silk road

Stolze Stämme unter dem Dach von Afrika

Unser weiterer Weg führt nach Ostafrika, Heimat vieler stolzer afrikanischer Stämme, so auch der, der Masai, der, in unseren heimischen Gefilden, wohl Bekannteste von allen. Die großgewachsenen Männer strahlen Anmut und Stolz aus, aufgrund ihres Körperbaus beherrschen sie seit Jahren die internationale Laufszene und wir tragen Schuhe mit dem Siegel „Masai Barefoot Technologie“.

Wir sind sehr gespannt was uns hier in Tansania und Kenia so alles erwartet.

An dem kleinen Grenzübergang, den wir von Sambia nach Tansania genommen hatten, gab es keine Autoversicherung zu kaufen. Ein Overlander aus den Niederlanden hatte uns vor einigen Tagen jedoch darauf hingewiesen, dass wir diese unbedingt benötigen, diese wird ständig kontrolliert, wie auch Geschwindigkeit und vieles mehr. Es soll auch regelmäßig Strafzettel geben.

Das wollen wir doch tunlichst vermeiden und so machen wir uns in Tunduma, der großen Grenzstadt am Tans-Sam-Highway auf die Suche nach einer Versicherung. Ich werde von Pontius zu Pilatus geschickt und man will mir vom Feuerlöscher über SIM Karten alles verkaufen, nur eine Autoversicherung scheint es nicht zu geben. Dann entdecke ich das Grenzbüro der Basler Spedition SPEDAG, mit der wir das Beast von Singapur nach Durban verschifft hatten. Ich betrete das Büro und erzähle John, dass ich aus Basel bin und ob er Marc kennt, Afrikaexperte bei Spedag Basel. „Yes, Yes.“ Und so hilft er mir gleich bei seinem Nachbarn eine Versicherung zu besorgen, auch beim Preis können wir noch etwas herausschlagen und nach etwas mehr als einer halben Stunde verlasse ich zufrieden das Viertel an der Grenze. Geldwechsler umlagern mich auf dem ganzen Weg bis zum Auto, ich steige ein und wir fahren noch ein Stück, bis wir einen Platz zum Schlafen gefunden haben.

Aufgrund unseres Zeitplans haben wir uns im Süden Tansanias nicht sehr viel auf die To-Do-Liste geschrieben, wir fahren auf dem Highway Richtung Dar es-Salam, der Hauptstadt Tansanias am indischen Ozean. Die Fahrt ist ein Graus. Die Straße ist in einem katastrophalen Zustand und eine einzige Baustelle mit vielen Umleitungen, d. h. hier, fahren auf einem sandigen Seitenstreifen. Es staubt wie die Hölle. Auf der regulären Straße befinden sich Speedbumper, die die Autofahrer zum langsam fahren zwingen sollen, in kurzen regelmäßigen Abständen. Die Straße hat tiefste Spurrillen und zu allem Übel steht andauernd die Polizei irgendwo und hält uns an. Versicherung, Führerschein, Feuerlöscher, Warndreieck, alles muss irgendwo mal gezeigt werden. Einer fragt uns mal nett, ob es heute kein Trinkgeld geben würde. Wir schütteln den Kopf und fahren weiter. Auf einer Geraden werden wir von einem anderen Auto überholt und als dieses gerade wieder einschert, werden wir wieder von der Polizei angehalten. Dieses Mal hat der Beamte sein Spielzeug, die  Laserkanone in der Hand. Der Fahrer des überholenden Fahrzeugs steigt aus und es hat den Anschein, dass er ein Priester ist. Er nimmt eine demütige Haltung ein, erklärt etwas auf Suaheli und bittet um Vergebung. Die Polizei lässt ihn weiterfahren, der Priester segnet die Beamten, die dann zu mir kommen. Ich händige ihnen eine Kopie des Führerscheins aus und einer erklärt mir dann, dass ich zu schnell gefahren sei und dass das 50.000 Schilling (~25 US$) kosten würde.
Damit sind wir nicht einverstanden, denn wir sind nicht zu schnell gefahren und das Fahrzeug vor uns hat uns noch überholt. Vielleicht hat er ja dieses geblitzt, wir möchten das Video sehen. Lange Diskussionen und am Ende gibt es kein Video und keine Strafe, wir haben aber wieder eine halbe Stunde Zeit verloren.

Am Straßenrand taucht ein Schild eines Campingplatzes auf. Wir machen langsamer und entscheiden uns diesen anzusteuern. Dort treffen wir ein Paar aus Österreich mit ihrem Unimog.
Wir kaufen noch etwas Feuerholz und machen ein schönes Lagerfeuer, grillen und lassen den Abend bei einer Dose Kilimanjaro Bier ausklingen. Auch Morgen haben wir noch einen ganzen Tag Fahrerei vor uns. In Dar es-Salam, gibt es am South Beach einen Campingplatz, wo wir auch das Auto stehen lassen können, wenn wir nach Sansibar rüber möchten. Diesen erreichen wir erst nach dem Einbruch der Dunkelheit, aber der Verkehr durch die Hauptstadt war dicht und hektisch.

Wir faulenzen etwas herum und suchen eine nette Unterkunft auf Sansibar, wo wir 6 Nächte bleiben.

Von nun an lassen wir es wieder gemächlicher angehen. Wir tuckern gemütlich die Küste nach Norden hinauf, bis Tanga. Die Stadt wurde während der deutschen Kolonialzeit gegründet. Am Peponi Beach etwas südlich davon treffen wir auf Ramona und Hans aus Viersen, die mit ihrem Geländewagen durch Afrika fahren. Dort bleiben wir einige Tage, bevor wir dann Strand und Meer für längere Zeit verlassen. Wir möchten über die Usambara Berge bis zum Kilimanjaro fahren. Es soll auch eine Straße rund um den Kilimanjaro geben. Jörg Gabriel hat uns diese Informationen gegeben, als wir ihn nördlich von Dar es-Salam mit seinem Mercedes G getroffen hatten und er uns in seine Hatari Lodge eingeladen hat.

In den West Usambara Mountains campen wir auf der Irente Farm und dort treffen wir den Spanier Polo wieder. Diesen hatten wir bei unserer Ankunft in Capetown/Südafrika getroffen und auch er ist auf seinem Motorrad von Süd nach Nord unterwegs. Hier auf der Farm hat der gelernte Motorradmechaniker das Bike von Richy repariert. Richy ist der Lebensgefährte der Managerin der Irente Farm. Außerdem treffen wir noch 4 Schweizer mit ihren Toyotas auf der Farm, Schami und Rita sind längere Zeit unterwegs, Jörg und Denise kommen immer wieder für kürzere Etappen nach Tansania, wo sie ihr Fahrzeug stehen lassen können. Beim Essen erfahren wir, dass Denise auch Hauser heißt und so darf am nächsten Morgen natürlich auch das Foto der Hausers in Tansania nicht fehlen.

Mit Polo fahren wir dann weiter zum Kilimanjaro und campen noch einmal zusammen in Marangu. Von dort aus umrunden wir den Kilimanjaro, leider ist das Wetter nicht so klar und wir sehen den Gipfel nicht. Die Luft ist staubig und diesig, die Sicht schlecht. Unterwegs treffen wir zweimal auf illegale Tollgates der Masai. Selbstgebaute Schranken versperren die Straße und für die Wartungsarbeiten der Straße verlangen sie eine Gebühr. Zuerst stellen wir uns wieder blöd, machen dann aber ziemlich deutlich klar, dass wir nichts zahlen. Sie ziehen die Schranke beiseite und wir fahren weiter. Jörg und Denise haben uns die Adresse der Simba Farm gegeben, wo man auch campieren kann. Wir sind alleine dort, am Nachmittag können wir ein Bienenvolk beobachten, das in einem Baum seinen Stock hat und am Abend gibt es einen herrlichen Sonnenuntergang. Am Morgen sehen wir für eine ganz kurze Zeit den Kilimanjaro, den höchsten Berg Afrikas.

In Moshi finden wir einen Nakumat Supermarkt und kaufen dort notwendige Lebensmittel ein. Am Ausgang befindet sich ein kleiner Stand, an dem man sich für den Kilimanjaro Marathon anmelden kann. Das Laufevent findet unter dem Motto „Stop Albino Killing“ statt, wir sind ziemlich betroffen und fragen nach. Die Veranstalter wollen auf das Thema aufmerksam machen und wir erfahren, dass man zur Heilung oder zum Schutz von Haus und Hof Körperteile von Albinos einsetzt. Uns fehlen die Worte. Wir könnten am Lauf teilnehmen, die Gebühr für Ausländer beträgt 70 US$, Locals zahlen 4,50 US$.

Nein, wir haben zu viel Trainingsrückstand und außerdem müssen wir weiter. In Moshi besuche ich noch das Meeting des Rotary Clubs im Kilimanjaro Crane Hotel.

Dort lernen wir Francis Selasini kennen, er ist auch Rotarier und leitet in Moshi die Organisation NAFGEM. Diese setzt sich für die Unversehrtheit von Mädchen und Frauen ein und versucht die weibliche Genitalverstümmelung zu bekämpfen. Francis lädt uns zu sich ein, wir sollen morgen früh auf einen Kaffee kommen.

Wir fragen im Crane Hotel nach einem Zimmer und auch hier gibt es unterschiedliche Preise. Für uns soll es 60 US$ kosten. Wir bitten einen rotarischen Freund, das Zimmer für uns zu buchen und zahlen dann nur 27 US$.

Bei NAFGEM wohnen auch einige junge Frauen, die von zu Hause weggelaufen sind, um sich vor der Verstümmelung der Genitalien zu schützen. Er stellt uns die Mädchen vor, ein 14-jähriges Mädchen ist total eingeschüchtert und traut sich kaum uns anzusehen. Wir kriegen so langsam einen Eindruck was die jungen Mädchen hier so durchmachen.

Beim Kaffee erzählt uns Francis viel von seiner Arbeit und die Hintergründe von FGM (Female Genital Mutilation), religiöse Hintergründe spielen keine Rolle hier in Kenia und Tansania. Das Problem, sagt er uns kann man nur grenzüberschreitend in Angriff nehmen, ansonsten weicht man für das FGM ins Nachbarland aus. Hauptgrund für die Verstümmelung ist hier die Tradition und dass mit der Beschneidung das Mädchen in die Gemeinschaft der Frauen aufgenommen wird. Männer können nur mit Männern und Frauen nur mit Frauen über das Problem reden, was vieles erschwert. Wenn die Mädchen verheiratet werden zahlt die Familie des Mannes einen Brautpreis an die Familie der Frau. Ist diese aber nicht beschnitten, so gilt sie als nicht vermittelbar und somit entfällt auch ein Brautpreis. So sind die Hintergründe vielschichtig und nicht mit einem Schlag zu lösen. Er zeigt uns das „Handwerkszeug“ einer ehemaligen Verstümmlerin. Die Mädchen werden für diesen Anlass zusammengezogen und alle auf einmal beschnitten, immer mit dem gleichen Besteck. Es kann daher zu Übertragung von HIV und anderen Krankheiten kommen, zu Infektionen oder die Mädchen verbluten. Die Komplikationen können ein Leben lang anhalten und weitere Komplikationen z. B. bei der Geburt von Kindern können entstehen. Als er uns noch ein Video zeigen will, lehnen wir ab. Wir haben genug gesehen und gehört. Wir haben höchsten Respekt vor Francis‘ Arbeit, er fährt mit seinem Plasiktorso in die abgelegensten Dörfer und spricht mit den Leuten über ein Tabuthema. Immer wieder muss er mit den Menschen sprechen, um überhaupt einen kleinen Erfolg verbuchen zu können. NAFGEM wird von der deutschen Organisation Materra und Netzwerk Raphael unterstützt.
Wer seine Arbeit unterstützen möchte kann das hier tun. Für jeden Euro Spendengeld, gibt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 3,00 Euro dazu.

materra Stifung Frau und Gesundheit e. V.,
Sparkasse Freiburg,
IBAN: DE56 6805 0101 0002 1486 54,
BIC FRSPDE66XXX
Verwendungszweck: NAFGEM Tansania

Von Moshi aus fahren wir zur Hatari Lodge und verweilen dort einige Tage, bevor wir uns aufmachen, auf große Safari zu gehen. Unser Plan sieht vor, dass wir zuerst über Arusha durch den Ngorongoro Crater Conservation Area fahren, dort eine Nacht verbringen und dann weiter in die Serengeti fahren. Die große Herdenwanderung soll noch in vollem Gange sein. Millionen von Gnus, Zebras und anderen Herdentieren ziehen auf der Suche nach Wasser von Süden nach Norden und unzählige Raubtiere folgen ihnen.

Die erste Ernüchterung kommt aber bereits am Eingangstor zum Ngorongoro Krater. Eine lange Schlange vor den Schaltern und Kreditkarten werden auch nicht akzeptiert. Für die Durchfahrt und eine Übernachtung auf einem „Campingplatz“ werden knappe 300 US$ verlangt, für die Fahrt in den Krater (6 Std.) wären nochmal weitere 300 US$ fällig, darauf verzichten wir dann schon einmal. Der ATM Geldautomat müssen wir dreimal bemühen, bis wir das Geld in bar zusammen haben. Es gibt weder eine Broschüre, noch eine Karte, noch anderes Informationsmaterial, z. B. über Tempolimits oder Verhaltensregeln im Conservation Area.

So fahren wir los, um vom Kraterrand in den Kessel zu schauen. An einem Aussichtspunkt machen wir einige Fotos und fahren dann zum „Campingplatz“, dies ist eine abschüssige Ziegenweide mit einem Küchengebäude und einem Toilettentrakt. Die Küche ist bereits komplett von Safarianbietern belegt, die schon mal für ihre Gäste am Kochen sind. Wir suchen uns einen halbwegs ebenen Platz und halten dort an. Es dauert nur Minuten bis einer daher kommt und uns mitteilt, dass das Parken auf der Wiese nicht gestattet ist. Wir entgegnen, dass wir hier campen und unser Zelt ist auf dem Autodach. Er verschwindet wieder, aber es kommen andere, die uns immer wieder das gleiche mitteilen. Also fahren wir ganz an den Rand der Wiese, so dass wir unser Zelt gerade noch mit den Heringen befestigen können. Wir sollen auf der Straße parken, aber für umgerechnet 90 US$ wollen wir nicht auf der Straße campieren. Wir stehen jetzt nahe am Toilettentrakt und am Nachmittag kommt wieder einer, mit Handtuch um die Hüfte und teilt uns mit, dass wir hier nicht parken können. Ich bin nun schon etwas auf Temperatur und frage ihn, was er hier überhaupt ist. Er sei der Supervisor des Platzes. Dann soll er doch bitte mal seine Uniform anziehen, teile ich ihm mit. Etwas später kommt er in Uniform und mit einigen Rangern zurück, er will die Permit sehen. Diese hatte ich in weiser Voraussicht in die Windschutzscheibe geklebt. Ich teile ihm mit, dass er sie dort ansehen kann. Er besteht darauf das Original zu kriegen. Ich lehne kategorisch ab, alle Informationen sind auf der Vorderseite, die Rückseite ist leer. Er kann ein Foto machen, aber das Original bleibt bei uns. Dann geht das Thema parken und campieren wieder los. Es ist nicht gestattet auf der Wiese zu parken. Ich versuche ruhig zu bleiben und erkläre erneut, dass wir hier campen, das Zelt ist halt auf dem Autodach. Wir stehen am Rand und wir erkennen das Problem nicht. Wir fragen wo denn hier auf dem Campingplatz, der 90 US$ kostet die Stellplätze für Campervans, und Geländewagen mit Dachzelt seien. Schulterzucken, hier scheint man nur normale Zelte zu kennen und die Fahrzeuge haben auf der Straße zu bleiben.

So kommt am Abend gegen 20 Uhr die Polizei, um sich diesem Fall anzunehmen. Ich erkläre den Beamten in Zivil (ich hatte zuvor nach ihren Ausweisen gefragt) den Sachverhalt, dass wir auf der Straße nicht stehen wollen, wegen Verkehr und weil wir das Zelt nicht befestigen können. Der eine scheint das einzusehen und spricht mit den anderen, ich soll aber trotzdem auf die Seite fahren. Dann will er die Permit sehen, ich händige sie ihm aus, mit dem Hinweis, dass ich diese normalerweise nicht hergebe. Er schaut sie an und es scheint alles in Ordnung zu sein. Die Polizei will nun den Platz verlassen, aber die Ranger und der Supervisor reden unentwegt auf die beiden Polizisten ein. Der eine kommt dann zurück und fragt wann wir morgen hier weg wollen, wir sagen ihm, dass wir bei Sonnenaufgang (früher ist nicht erlaubt) weiterfahren. Er müsse noch ein Protokoll aufnehmen, wir hätten eine Ordnungswidrigkeit begangen und wir sollen morgen in das Büro kommen. OK, was denn bitte schön haben wir begangen? Er soll sehr genau die Vorschriften heraussuchen, die wir verletzt hätten. Wir haben 290 $ Eintritt bezahlt und dafür gibt es nicht einmal ein Heftchen mit Regeln oder Ähnlichem. Jetzt kriegt er den vollen Frust ab. Er geht zum Auto und gibt zuvor einem Ranger unsere Permit. Ich frage diesen nach seinem Namen und seiner ID. Die Antwort lautet großspurig: „my gun is my ID“ und dass wir morgen um 8 Uhr die Permit im Headoffice abholen könnten. Ich gehe zum Polizisten und frage ihn, ob er das gehört hat. Genau aus diesem Grunde gebe ich niemals eine Permit an solche Leute. Der Polizist sagt dann noch etwas zu den anderen auf suwaheli und dann verziehen sie sich wieder.

Am kommenden Morgen um 6 Uhr warten wir am Gate des Campingplatzes darauf, dass wir wieder hinaus dürfen. Der Supervisor gibt uns die Permit zurück und wir verabschieden uns kühl voneinander.  Wir haben die Lust auf Ngorongoro und Serengeti verloren, aber es ist der kürzeste Weg Richtung Lake Viktoria und Uganda.

Es ist Morgendämmerung, aber es herrscht ein unglaublicher Verkehr. Safarifahrzeuge mit Touristen brausen in irrsinnigem Tempo an uns vorbei oder kommen uns entgegen. Die Straße ist die Schlechteste, die wir in den letzten zwei Jahren gesehen haben, steinhartes Wellblech, voll mit gewaltigen Schlaglöchern. Es liegen immer wieder Stoßdämpfer und andere Fahrzeugteile herum. Wir versuchen die Ideallinie zu finden und tuckern Richtung Westen, bis sich der typische Ölgeruch der Stoßdämpfer bemerkbar macht. Ich halte an und teile, nach kurzer Inspektion Annette mit, dass wir soeben den linken Stoßdämpfer verloren haben. Nachdem wir auch Koakaland in Namibia mit nur einem Stoßdämpfer durchquert hatten, entscheiden wir uns weiter zu fahren. Aber nach 10 Kilometern läuft auch der zweite Stoßdämpfer aus. Jetzt ist fahren fast unmöglich, das Auto schaukelt wie auf hoher See. Wir entscheiden uns umzukehren und eiern die 60 Kilometer zum Gate im Schneckentempo zurück. Auf der Hauptstraße geht es etwas besser und wir erreichen am Nachmittag Arusha.

Dort haben wir von einem anderen Overlander die Adresse einer Werkstatt, wo er die Federn und Dämpfer erneuern lies. Es ist ein Inder, mit sauberer Werkstatt und er hat kenianische Federn und Stoßdämpfer im Angebot. Rob Magic – made for Africa. Extra heavy duty. Wir haben keine andere Wahl und erneuern sowohl Federn als auch Stoßdämpfer und hoffen, dass wir damit nach Hause kommen.

In Arusha übernachten wir im Masai Camp und treffen dort die Familie Schmider aus Korb bei Waiblingen. Sie haben sich eine einjährige Auszeit genommen und reisen mit ihren drei Kindern in einem 50 Jahre alten Deutz durch Afrika. Sie haben in etwa den gleichen Zeitplan und auch sie wollen bis Ägypten fahren, vielleicht fahren wir ein Stück gemeinsam. Wir bleiben in Kontakt.

Wir haben beschlossen unser Geld lieber in Kenia, als in Tansania auszugeben und fahren nun schnellstmöglich Richtung Nairobi. Wir wollen unser Safariglück später nochmal in der Masai Mara versuchen.

Kurz nach der Grenze von Tansania nach Kenia steht ein kleines Schild am Straßenrand mit der Aufschrift Campsite. Wir beschließen dort zu übernachten und morgen nach Nairobi weiter zu fahren. Nach kurzer Fahrt erreichen wir ein Tor, das ist abgeschlossen. Ein Junge steht daneben, er spricht aber kein Englisch, wir hupen mal laut und warten ab. Es kommt jemand und macht das Tor auf. Wir fahren hinein und ein ganzes Stück weiter, bis wir an ein Haus kommen. Es kommt Nazeel, gebürtiger Iraner, der nach der islamischen Revolution in seinem Land nach Kanada ausgewandert ist und dann wegen seiner kenianischen Frau nach Nairobi kam. Er arbeitet für den Geheimdienst und am Wochenende kommt er hierauf auf seine Farm. Er hat eine Art Aufzuchtstation, verletzte oder kranke Tiere werden zu ihm gebracht und auf seiner Farm können diese sich wieder erholen, alte Tiere können hier in Frieden bis zu ihrem Ende leben. Er hat einige Einheimische hier angestellt, die die Woche über die Arbeit machen. Er erzählt uns, dass er ihnen immer für die ganze Woche Arbeit geben muss, ansonsten wird hier nur gefaulenzt. Auch sollen sie für uns etwas zu abend kochen. Es gibt Hungali und Skuma, Maiskuchen mit Spinat. Wir können uns hinstellen wo wir wollen, aber wir sollen uns vor einem Strauß in Acht nehmen, dieser sei „very bad“ und wenn er kommt, gibt es nur eines – FLUCHT. Alle anderen sind sehr umgänglich, besonders ein Elant ist sehr anhänglich und kommt immer wieder und möchte ein paar Streicheleinheiten.

In Nairobi steuern wir die Jungle Junction von Chris an. Er lebt seit über 30 Jahren in Afrika und hat hier einen Campingplatz für Overlander und einige Zimmer, die er vermietet. Außerdem hat er eine gute Werkstatt, Chris ist Zweiradmechaniker und hat lange Zeit für BMW Motorräder gearbeitet.

Als wir dort ankommen, habe ich von einem Moment auf den anderen unheimliche Kreuzschmerzen, ich kann kaum aus dem Auto aussteigen oder gehen. Was ist das jetzt nur?

Auf dem Platz treffen wir noch Robert und Clary in ihrem großen Mercedes Actros. Die Schmiders treffen einige Tage später dort ein.

Chris vereinbart für mich einen Termin bei seinem Nachbarn, einem Physiotherapeuten. Veronika nimmt sich meiner an. Ich soll mich nach vorne beugen, das geht natürlich nicht. Ich lege mich auf die Liege und sie bearbeitet mich mit allem was sie hat. Sie massiert, sie kühlt mit Eis und am Ende kommt noch eine Hitzekissen und die Painkiller-Maschine zum Einsatz, die sie mit verschiedenen Härtegraden einstellen kann. Nach 90 Minuten gehe ich sichtlich geschafft zurück zum Platz, vereinbare aber für morgen gleich nochmal einen Termin. Und nach 3 Behandlungen sind meine Schmerzen weg. Ich danke Veronika für ihre Dienste und bringe ihr 3 kleine „Ferrero Rocher“ Kugeln mit. Sie freut sich, ich freue mich auch.

Durch die schlechten Straßen hat nicht nur die Federung gelitten, sondern auch die Motorhaube fängt wieder an auszureißen, an der Stelle, wo es bereits in Namibia passierte. Chris schaut sich das Ganze an und meint, dass erneutes Schweißen, das Material noch spröder macht und wir keinen Halt kriegen und so drehen wir das Scharnier von innen nach außen und schrauben es fest. Sieht nicht schön aus, aber es macht einen stabilen Eindruck. Zu unserer neuen Federung meint er nur, dass die Marke bei ihm den Spitznamen „Rob Tragic“ trägt. Wir hoffen, dass Rob durchhält.

Wir unternehmen nun noch einen Versuch endlich Raubkatzen zu sehen und fahren in die Masai Mara. Die letzten 50 Kilometer sind wieder von der übelsten Sorte und plötzlich blinkt unser Display im Fahrzeug. 3 Fehlermeldungen, ABS und ESP ohne Funktion, elektrischer Bremskraftverteiler – Werkstatt aufsuchen und Speedtronic ohne Funktion. Wir halten an und versuchen die Fehler zurückzusetzen, wir schalten den Motor aus und ziehen den Zündschlüssel ab. Erneuter Start, aber die Fehler sind immer noch da. Das wäre auch zu einfach gewesen. Wir überprüfen alles und stellen fest, dass das Bremslicht und der Tacho auch nicht funktionieren. Außerdem können wir nicht mehr schalten. Wir lesen die Bedienungsanleitung und mit einem Bleistift können wir zumindest die Schaltung wieder in Gang setzen und weiterfahren. Im Camp überprüfen wir die Sicherungen und ersetzen eine Hauptsicherung, alles wieder im grünen Bereich, der Schrecken ist überwunden. Im Oldarpoi Camp, einem Campingplatz der lokalen Gemeinde treffen wir Festus, er ist der Chef hier auf dem Platz. Bei ihm buchen wir Abendessen und auch eine ½-tägige Safari. Mit seinem Auto müssen wir keinen Parkeintritt fürs Auto bezahlen, somit haben wir die Safari schon wieder „gespart“.

Am frühen Morgen geht die Pirschfahrt los, wir wollen uns auf Raubkatzen konzentrieren und lassen die Zebras, Giraffen und anderen Tiere links liegen und dann endlich sehen wir die ersten Löwen. Eine Mutter mit 3 Jungen hat ein Wildbeast gerissen und sind gerade am fressen. Wir bleiben eine ganze Weile stehen und schauen zu, als alle satt und rund sind, beginnen sie damit, die Überreste in den Schatten zu tragen. Es ist Schwerstarbeit für die Löwin und die Jungen stören sie dabei mehr, als dass sie helfen. Sie sind noch zu verspielt und einer versucht die Mutter immer wieder von hinten anzuspringen, während ein anderes Jungtier ihr beim Tragen hilft. Die Mutter muss immer wieder stehen bleiben und kräftig durchatmen, bevor sie den Kadaver einige Meter weiter schleift.

Etwas später treffen wir dann auf den König der Tiere. Er liegt auf einem Hügel und unweit von ihm ist eine Löwin, wir bleiben auch hier wieder stehen und warten. Urplötzlich steigt er von seinem Hügel herab und besteigt die Löwin, bis ich die Kamera im Anschlag habe, hat er seine Aufgabe aber schon erledigt. Ein lautes Brüllen und dann legt er sich gemächlich in die morgendliche Sonne und schläft ein. Etwas später treffen wir das Pärchen noch einmal, leider hinter dichtem Buschwerk.

In der Zwischenzeit trafen wir auch einen hübschen Geparden, der in der Morgensonne die Umgebung beobachtet.

Am Nachmittag kehren wir ins Camp zurück und dort treffen wir zwei schweizer Ehepaare. Armin kommt zu uns und wie der Zufall so will, kenne ich ihn. Er war, bis zu seiner Pensionierung leitend für die Kraftwerke Ryburg und Rheinfelden zuständig und arbeitete für unseren früheren Kunden Energiedienst AG. Wir essen zusammen zu Abend und machen noch ein Erinnerungsfoto.

Festus kommt immer wieder mal zu uns und wir unterhalten uns gut, er erzählt uns auch über die Traditionen der Massai hier und über die Praxis von FGM, sein Bruder saß 10 Jahre im Gefängnis, da seine Tochter bei der Beschneidung verblutet war. Und plötzlich kriegt diese gruselige Tradition ein Gesicht, besonders erschreckt uns, dass er nur hofft, dass sein Bruder seine zweite Tochter nicht diesem Ritual unterzieht. Wir dachten, dass vielleicht 10 Jahre Haft auch eine Art von Einsicht hervorgerufen haben, doch dem scheint leider nicht so.

Wir haben viel erwartet von Tansania und Kenia, aber am Ende fallen beide Länder durch. Für Tansania könnenwir einen erneuten Besuch ausschließen. Diese so stolzen Volksgruppen, wollen weiter mit ihren Traditionen und in ihrer traditionellen Lebensweise weiterleben. Fortschritt bedeutet hier, ein Smartphone und Bargeld, das ihnen die Touristen in rauhen Mengen bringen sollen. Preis-Leistung ist hier ein Fremdwort und das Wort „bitte“ existiert bei der bettelnden Fraktion leider auch nicht.

Wir überschreiten den Äquator und fahren durch das Teeanbaugebiet von Kenia. Die Pflücker winken uns freundlich zu und am Abend erreichen wir den Lake Viktoria an der Grenze zu Uganda.

Karakorum Highway – auf das Dach der Welt

Independence Day – es ist der 14. August als wir nach Pakistan einreisen und im 21. Land unserer Reise ist Feiertag. Die Fahrzeuge sind mit Fahnen dekoriert und die Häuser und Höfe mit Flaggen geschmückt.

Die chinesische Grenzabfertigung war bereits in Tashkurgan, einem alten Handelsposten auf der Seidenstraße, der Name bedeutet „steinerne Stadt“, eine Bezeichnung für die alte Befestigungsanlage, die chinesische Wissenschaftler auf über 600 Jahre schätzen. Tashkurgans Rolle als Handelsposten auf der südlichen Seidenstraße ist aber vermutlich wesentlich älter. Man geht davon aus, dass der Ort möglicherweise mit dem ‚Steinerner Turm‘ (Lythinos pyrgos) identisch ist, den der Naturforscher Claudius Ptolemäus um 150 n. Chr. in seinen Aufzeichnungen erwähnt. Die Kenntnis über den vollständigen Verlauf der Seidenstraße von Xi’an bis zum Mittelmeer war zur damaligen Zeit auf Seiten der Römer wie Chinesen gleichermaßen ungenau und endete jeweils etwa in der Umgebung des Pamir Gebirges. In den Aufzeichnungen des Ptolemäus findet sich, dass die Seidenstraße hinter Baktra die Komedoi-Berge überwinde, womit wohl der Pamir gemeint ist, und dort auf den ‚Steinernen Turm‘ treffe. Danach begann für die Römer ‚terra incognita‘ und auch wir begeben uns mit einem etwas flauen Gefühl in ein unbekanntes Land, von dem man in den letzten Jahren leider wenig Gutes gehört hat.

Die Strecke führt weiterhin durch die herrlich sanften Hochtäler des Pamir, bis am Horizont, wie eine schwarze Wand die dunklen Zinnen des Karakorum-Gebirges auftauchen und gegen Mittag erreichen wir den Khunjerab-Pass (4.733 m), den höchsten Punkt des Karakorum Highways.

Sein Name bedeutet auf Whaki, der Sprache der hiesigen Bevölkerung ‚Tal des Blutes‘: Die Karawanenführer schlitzten ihren Pferden, die wie die Menschen unter der Höhenkrankheit litten, die Nüstern auf, weil sie glaubten, das Nasenbluten würde ihnen die Strapaze des Aufstiegs erleichtern. Andere interpretieren den Namen Khunjerab schlicht als ‚Pass des Khan‘.

Dort oben müssen wir das schwere Eisentor selbst öffnen, um von China nach Pakistan zu kommen. Wir machen noch einige Fotos und fahren dann zum ersten pakistanischen Posten, das ist nur ein hölzernes Häuschen mit Schranke und die Soldaten empfangen uns mit einem herzlichen „Welcome to Pakistan“. Sie schauen sich kurz das Visum an und öffnen die Schranke, der pakistanische Zoll ist erst in Sost.

Wir sind gespannt, wie wir durchkommen werden, einige Leute erzählten uns, dass die Straße noch gesperrt sei, denn aufgrund von starkem Schmelzwasser sind große Teile des Karakorum Highways (KKH) weggespült worden. Auch Luc und Laurant, die beiden Luxemburger, die wir in Kashgar getroffen hatten, sind per Flugzeug von Pakistan nach China gereist, da auf dem KKH kein Durchkommen war.

Wir kommen gut voran, die Straße ist eine der Besten, die wir seit Langem befahren haben. An einigen Stellen liegen noch große Steine auf der Straße, die man aber gut umfahren kann. Einmal schiebt ein Bagger mit dem Löffel die großen Brocken zur Seite, das ist zwar nicht gut für den Asphalt, geht dafür aber umso schneller. Dann staut sich aber auf einmal der Verkehr und wir müssen anhalten, zahlreiche Leute stehen auf der Straße und so steigen auch wir aus und besichtigen die Baustelle. Auf der Straße liegt der Schutt schätzungsweise 4 m hoch, ein Bagger steht zwar da, wird aber nicht bewegt. Auf der anderen Seite steht eine Raupe, zwischen den beiden Maschinen liegen auf einer Länge von mehr als 20 m Schlamm und Geröll, das sich beim Überqueren zu Fuß wie eine schwabbelige Masse anfühlt, in der einige Motorradfahrer stecken bleiben, beim Versuch diese zu überwinden. Kurze Zeit später beginnen die chinesischen Straßenarbeiter, die nach den Erdrutschen im 24-Stunden Schichtbetrieb an 7 Tagen der Woche an der Räumung arbeiten, damit, den letzten Abschnitt der Straße frei zu machen und so erreichen wir das Städtchen Sost am späteren Nachmittag, wo die Einreiseabfertigung stattfindet. Wir fahren in den Zollhof, ein Zöllner führt uns in das Gebäude, wo wir mit „Hello, how are you?“ begrüßt werden. Es ist schwierig für uns, Zöllner, Passanten und Reisenden auseinander zu halten, viele tragen die traditionellen Gewänder Pakistans, den ‚Shilwar Kamez‘. Zuerst füllen wir einen Gesundheitsfragebogen aus, dann werden unsere Visa geprüft und wir erhalten den Einreisestempel. In einem separaten Büro wird unser Carnet für das Fahrzeug gestempelt und dann gehen wir wieder in den Hof, ein freundlicher Beamter fragt uns, als er ins Auto schaut, ob wir Dinge „for Business“ dabei hätten oder alles private Sachen wären, als wir ihm dann sagen, dass alles nur Privatkram sei, verzichtet er auf eine nähere Inspektion und nach nur 35 Minuten verlassen wir den Zollhof.

Die erste Nacht verbringen wir in Sost und am Morgen fahren wir weiter nach Passu. Dort zelten wir im Garten des Hotel Sarai Silk Route. Wir machen einen Ausflug an den Passu Gletscher und im Hintergrund sehen wir die ganze Kette der 7.000er der Passu Range. Auf dem Rückweg kehren wir im Cafe ‚Glacier Breeze‘ ein und gönnen uns ein Stück Aprikosenkuchen und einen Kaffee. Im Hunzatal hat die Aprikosenernte begonnen und überall sehen wir Aprikosen, die zum Trockenen irgendwo ausgelegt sind. Wir genießen die nachmittäglichen Sonnenstrahlen mit einem tollen Ausblick auf die Passu Cones oder die Kathedralen von Passu, einer bizarren Felsformation.

Unser nächstes Ziel ist Karimabad, dem Wohnsitz des ehemaligen Mirs von Hunza, doch zuvor müssen wir den Attabad Lake überqueren, die Einheimischen nennen den See einfach nur ‚Disaster Lake‘, weil sich dieser nach einem großen Erdrutsch im Jahr 2011 aufgestaut hat. Als wir am Nordufer ankommen, regnet es leicht und es ist kalt. Es geht geschäftig zu, in diesem „Fährhafen“. Es kommen Boote, die Kraftstoff in Kanistern anliefern oder die Fahrgäste, Autos und Kleinlastwagen anliefern. Es gibt keine Ordnung, jeder versucht zuerst anzulegen ober abzulegen. Die Menschen rufen und gestikulieren wild durcheinander.
In Sost hatte ich einen Einheimischen mit einem Toyota Pickup getroffen und wir hatten über die Fährpreise gesprochen. Er sagte mir, dass die Überfahrt für seinen Pickup 2.500 Rupien kosten würde.
Natürlich sind wir am Ufer in kürzester Zeit von vielen Kapitänen umringt, die uns ihre Dienste anbieten. Jeder hat das sicherste Boot und will uns an das Südufer schippern. Ich verhandle die Preise, doch alle möchten 5.000 Rupien haben. Als ich ihnen erzähle, dass ich die Preise kenne und der Normalpreis bei 2.500 Rupien liegt, verweisen alle auf die Fahrzeuggröße und das –gewicht. Ich hatte ihnen gesagt, dass das Beast über 3.500 kg wiegt und am Ende willigt einer meiner Verhandlungspartner auf einen Fährpreis von 4.000 Rupien ein. Ich zahle ihm das Geld und wir warten, bis sie ihr Boot in Position bringen können. In der Zwischenzeit kommt der Sohn meines Verhandlungspartners, der auch Kapitän auf unserer Fähre ist und erklärt mir, dass er für ein Auto mit unserem Gewicht zwei Boote benötigt und ich noch 2.000 Rupien aufzahlen müsste. „Das ist nicht in Ordnung“ erklären wir ihm, es sei von Anfang an klar gewesen, was das Auto wiegt und jetzt kommt der Einwand mit dem zweiten Boot, wir beharren auf den 4.000 Rupien. Daraufhin läuft er weg. Seine Sandalen und Hosen sind total durchnässt, er zittert am ganzen Leib und reibt sich immer wieder die Hände. Seine Haare sind auch ganz nass und sein Gesicht ist von der Kälte gerötet. Der arme Kerl tut mir leid.

Knappe 20 Minuten später steht uns Boot bereit und gefühlte Stunden später steht auch das Beast oben drauf. Ich bin total nervös und angespannt. Ich sitze im Boot und kann nichts mehr tun, das Auto ist nur mit Steinen gegen wegrollen gesichert. Die Holzdielen sind mit Hanfseilen irgendwo angebunden. Ich habe die schlimmsten Befürchtungen und mache mir in Gedanken Vorwürfe, warum ich auf das zweite Boot verzichtet habe. Wir legen ab, die heikelste Situation, denn hier herrscht noch eine richtig starke Strömung und als das Boot quer in der Strömung liegt, neigt es sich gefährlich zur Seite. Der Neigungssensor der Alarmanlage spricht an und das Heulen der Sirene geht allen durch Mark und Bein, auf der ganzen Fahrt wird sie noch einige Male laut durch die Bergidylle schallen. Meine Hände sind schweißnass, aber nun fahren wir in Richtung Südufer. Laut unserem Kapitän wird die Überfahrt ungefähr eine Stunde dauern. Zwischendurch richten wir die unterlegten Steine nochmal neu aus und ich ziehe die Handbremse nach. Mehr können wir nicht tun und uns fallen Steine vom Herzen, als wir endlich den Empfangshafen sehen.

Am Nachmittag erreichen wir ‚Eagles Nest‘, oberhalb von Karimabad, wo wir für einige Tage unser Zelt aufschlagen. Von hier aus haben wir einen herrlichen Blick auf den Rakaposhi (7.788 m) und den Lady Finger (6.000 m), eine schneefreie Felsnadel am Ultar Peak (7.388 m).
Eagles Nest ist ein Aussichtspunkt, wo sich ein Hotel und einige Campsites befinden und liegt auf etwa 3.000 m. Die Fahrt dahin ist recht abenteuerlich, die Straße ist sehr eng, kurvig und extrem steil. Wir machen zu Fuß einen Ausflug nach Karimabad, das ca. 900 Höhenmeter tiefer liegt, wir gehen am Altit Fort vorbei, das vor einigen Jahren frisch renoviert wurde, jedoch schrecken uns die 700 Rupien Eintritt pro Person (nur für Ausländer) ab und so sehen wir es nur von außen. In Karimabad treffen wir beim Point Zero Ali, er hat uns auch schon im Fährhafen gesehen. Er arbeitet hier in einem Büro, das Trekkingtouren anbietet und gibt uns ein paar Tipps, was wir unternehmen könnten. Er zeigt uns auf der anderen Talseite ein Seitental in dem Edelsteine abgebaut werden und er empfiehlt und das Hoper Valley, außerdem sagt er uns, dass es hier in Karimabad ein kleines Unternehmen gibt, das die Edelsteine schneidet, schleift und fasst. Das wollen wir uns ansehen, da wir ja noch die Rubine aus Tadschikistan haben. Wir gehen im Ort Richtung Baltit Fort, das war der ehemalige Regierungssitz des Mir von Hunza und kehren im Cafe de Hunza ein. Hier gibt es Walnusskuchen und richtigen Kaffee. Wir haben die Wahl zwischen Nespresso Kapseln und Lavazza Kaffee, auch steht Rösti auf der Speisekarte. Der Wirt erzählt uns später, dass er vor einigen Jahren in der Schweiz war und von dort das Rezept für Rösti und auch für den Walnusskuchen mitgebracht hat.
Nachdem wir zuerst Rösti gegessen haben und dann noch einen Kaffee mit Walnusskuchen probiert haben gehen wir zu der Steinschleiferei und fragen, ob sie uns die Steine aus Tadschikistan schleifen könnten. Das wäre kein Problem teilt man uns mit und wir sollen morgen gegen 12 Uhr wieder kommen, dann sei dann auch Strom verfügbar und sie könnten unsere Steine schleifen. Tadschikistan sei berühmt für seine Rubine.

Tags darauf steht Fida bereit unsere Rubine zu schleifen. Fida sei die Beste und berühmt für ihre Fähigkeiten, aber leider werden wir sogleich enttäuscht. Ein kurzer Blick auf unsere Rubine und dann erklärt uns der Chef, dass es sich bei unseren Steinen leider nicht um Rubine, sondern nur um Garnet handelt. Fida schleift uns aber trotzdem 3 der Steine und so verlassen wir nach ca. 2,5 Std. die Werkstatt mit 3 schön geschliffenen Halbedelsteinen. Das Ganze hat uns ca. 2,50 Euro gekostet.

Im Hoper Valley, einem Seitental des Hunza Valley, das wir am folgenden Tag erreichen findet gerade das Cultural Revival Festival statt und als wir am Ende des Tales den Gletscher besichtigen, filmen und interviewen uns drei Leute, die über das Festival im TV berichten. Danach werden wir zum Festival geführt, wo wir zum Tanzen aufgefordert werden und auch der Minister von Gilgit-Baltistan begrüßt uns freundlich.

Wir campen im Hof des Restaurants ‚Hoper Inn‘, sitzen dort im Garten und trinken Tee, während wir etwas am Laptop arbeiten. Plötzlich werden Getränke und Pommes serviert, eine freundliche Familie aus Lahore lädt uns dazu ein. Später trinken wir mit ihnen noch Kaffee und am Abend essen wir zusammen. Mujahids Familie lädt uns ein, bei ihnen in Lahore zu wohnen, wenn wir dort ankommen, wo er eine Fabrik für Herrenschuhe hat.
Doch zuvor fahren wir das Hunza Valley weiter talwärts bis Gilgit, der Hauptstadt Gilgit-Baltistans. Auf der Fahrt dahin passieren wir eine Stelle, wo vor ca. 55 Mio. Jahren die indische und die eurasische Kontinentalplatte aufeinandertrafen und dadurch diese riesigen Gebirgsmassen formten. Von Gilgit machen wir einen Ausflug in das Gilgit Valley. Wir wollen eine alte steinerne Buddha Statue besuchen, bevor der Islam in dieser Gegend Verbreitung fand war die Bevölkerung dem Buddhismus zugewandt. Wir passieren einige Checkpoints, die es hier überall gibt und wir uns dort als Ausländer regiestieren müssen. Mittlerweile haben wir von unseren Pässen Kopien gemacht, die wir dann dort einfach nur abgeben. Auf dem weiteren Weg treffen wir noch einen schweizerischen Offizier mit blauem Barett, er dient für ein Jahr in einer UN Einheit und überwacht als Blauhelmsoldat die Line of Control (LOC) zwischen Pakistan und Indien im umstrittenen Kaschmirgebiet.

Nach Gilgit, am Zusammenfluss von Gilgit River und Indus, der von Tibet über Indien nach Pakistan fließt, verlassen wir den Karakorum Highway und folgen dem Indus talaufwärts in Richtung Skardu. Skardu hat einen Flughafen und viele Expeditionen zum K2, dem zweithöchsten Berg der Erde und dem höchsten Berg in Pakistan, nehmen hier ihren Anfang. Wir hoffen etwas von dieser Expeditionsatmosphäre schnuppern zu können.

Die Berghänge im Tal fallen steil in den Indus ab und unten tosen die braunen Wassermassen talwärts. Die Berghänge sind zerlöchert wie ein Schweizer Käse und während einer Rast schauen wir mit den Ferngläsern die Löcher genauer an. Es scheint sich um Minen zu handeln und ab und zu hören wir auch Explosionen von Sprengungen. An der Straße ist eine kleine Miene oder vielleicht auch nur eine Probebohrung. Hier suchen wir, vom Goldfieber gepackt, nach Edelsteinen. Annette findet einen schönen schwarzen Turmalin, den wir mitnehmen.
Ein Stück weiter treffen wir auf eine Gruppe, die gerade Material auf die andere Flussseite transportiert, dort liegen die meisten Mienen und es führen keine Brücken über den Indus. Daher haben sich die Menschen Seilbahnen gebaut, mit denen sie Nahrungsmittel, Tiere und Material hinüberschaffen.
Wir machen Fotos, als gerade eine Ziege über den Indus transportiert wird und beiläufig frage ich, ob in den Säcken Reis sei. Nein, da sei Sprengstoff drin, den sie für die Minen benötigen. Ganz locker wird dieser im Sammeltaxi auf dem Dach und dann mit der Seilbahn über den Fluss transportiert. Einige Zeit später in Indien lesen wir, dass dort 3 Wohnhäuser und zwei Restaurants in die Luft geflogen sind, nachdem Sprengstoff für die Minen in Radschastan, der in einem Wohnhaus gelagert war, explodiert ist. Über 100 Menschen sind dabei gestorben.
Zum Abschied bekommen wir von den Bergleuten noch einen Aquamarin und einen Topas geschenkt.
Am Nachmittag erreichen wir Skardu, leider regnet es. Oder Gott sei Dank, denn am nächsten Tag scheint wieder die Sonne und die Stadt ist staubig und dreckig. Der Verkehr ist ein Chaos, wir gehen zu Fuß die Hauptstraße entlang und am Polo- und Fußballstadion, findet gerade ein Spiel statt. Die Leute stehen auf der Straße und schauen sich das Match an. Autos hupen wie wild durcheinander. Wir finden einen Edelsteinladen, der auch schleift, allerdings will er das 5-fache von dem was wir in Karimabad bezahlt haben, so suchen wir weiter und finden einen anderen Laden. Ein Mann will uns zur Schleiferei bringen, aber wir landen bei ihm zu Hause. Bei Tee und Gebäck erklärt er und, dass er mehrere Minen hat und den neuen Stein „K2 azurite“ abbaut, den es nur hier im Gebiet des K2 gibt. Allerdings sei es für ihn sehr schwer ihn nach Europa oder USA zu verkaufen. Er gibt uns ein ganzes Paket „Muster“ von geschliffenen und ungeschliffenen Steinen mit, mit dem Hinweis ein Geschäft in Deutschland zu gründen und Edelsteine zu verkaufen. Wir versprechen ihm nichts.
Von Skardu aus machen wir einen Ausflug in das Shigar Valley und besuchen den Jarbaso (The Blind Lake) und die Dünen, wo wir ein bisschen Off Road fahren.
Am Abend treffen wir auf eine große Gruppe von Off Road Fahrern, sie gehören alle zum Jeep Club Muzzafarabad und machen ihren jährlichen Ausflug. Ich werde sogleich interviewt, mit richtiger Kamera und Moderator. Der Club ist gut organisiert und wird von OLX Pakistan gesponsort. Am nächsten Morgen werden wir abgeholt zu ihrem Hotel und dort zeigen wir den Clubmitgliedern unseren Geländewagen und wieder werden zahlreiche Fotos und Videos gemacht. Danach brechen wir zu den Deosai Plains auf, der zweithöchste Hochebene der Erde, nach der Tibetischen Hochebene.
Hier soll es auch noch wilde Bären, den Schneeleoparden, Füchse und Wölfe geben, die Ebene liegt durchschnittlich auf 4.114 m. Auf unserer Landkarte ist ein Camp eingezeichnet, das wir anfahren möchten, leider ist dort gar nichts und so schlagen wir unser Zelt neben einem kleinen See, der von Gletschern gespeist wird, auf. Die Nacht ist sehr schwarz und total ruhig, leider spüren wir die Höhe etwas, denn der See liegt auf 4.700 m. Wir beschließen ein kleines Stück zurück zu fahren und dann dem Haupttrack auf der Deosai Hochebene zu folgen, außerdem endet für uns auf dieser Strecke sowieso bald die Weiterfahrt, denn es beginnt das umstrittene Kaschmirgebiet und dieses ist für Ausländer gesperrt. Nach nur wenigen Kilometern auf dem Haupttrack, kommt ein eingerichtetes Camp, wir halten kurz an und checken dies auf unserer Landkarte. „Ein Overlander“, ruft Annette plötzlich und aus der entgegengesetzten Richtung nähert sich ein weißer Toyota mit Kisten und Ersatzrad auf dem Dach. Als das Fahrzeug näher kommt, erkennen wir auch das deutsche Kennzeichen. Wir winken und der Toyota hält an, ein zierliche Frau steigt aus und fragt: „Seid ihr My Beast oder so?“
„Ja, sind wir“, Sven, ein Overlander in Indien hätte ihr mitgeteilt, dass wir ihr entgegenkommen. Martina ist alleine mit ihrem Hund Perla unterwegs. Ihre Reise dauert bereits 14 Jahre, angefangen hat sie als Backpacker in Südamerika, wo sie sich dann zwei Pferde zugelegt hat und auf diesen den Kontinent erkundet hat. Später ist sie auf ein Motorrad und dann auf den Toyota umgestiegen. Wir trinken zusammen einen Kaffee und plaudern über alles Mögliche, danach beschließen wir hier zusammen eine Nacht zu verbringen. Sie kommt aus Indien und ist auf der Fahrt durch Pakistan in den Iran. Sie hat 8 Monate in Indien zugebracht und gibt uns viele Tipps für Sightseeing, die Verkehrsregeln und die Indern.
Nach dem Frühstück verabschieden wir uns am nächsten Morgen, ihr Weg führt nach Westen und das Beast goes East. Ein kurzes Stück später treffen wir auf das Camp des Jeep Clubs Muzzafarabad und dort bleiben wir auch wieder für die nächste Nacht stehen. Sie haben ein richtiges Basislager mit Küchenzelt und Toilette. Es wird Brot gebacken, Hühner und Schafe geschlachtet, Tee gekocht, Fleisch gegrillt und Dal (Linsen) zubereitet. Wir treffen hier auch die pakistanische Bergsteigerlegende Hassan Sadpara, der einige 8.000er bestiegen hat. Bald nach dem Abendessen verschwinden wir im Dachzelt im Schlafsack, denn es wird unangenehm frisch. Am Morgen ist das Mineralwasser gefroren, aber die Sonne scheint und wir genießen das Frühstück mit den ersten Sonnenstrahlen. Wir fahren weiter in Richtung Sheosar Lake und Rama Lake, die Mitglieder vom Jeep Club fahren auch in diese Richtung, aber einige ihrer Farhrzeuge haben Startprobleme und benötigen Hilfe.

Nachdem wir den Sheosar Lake passiert haben erreichen wir einen Pass und verlassen die Deosai Plains hinunter in Richtung Astore. Auf der Fahrt bergab kommt uns ein Motorrad entgegen, auf dem ein hellhäutiger Mann mit Mütze sitzt. Wir schauen, stutzen und machen langsam, auch das Motorrad wird langsamer und dann erkennen wir Helmut. Er kommt aus Österreich und ist eigentlich per Fahrrad unterwegs, wir hatten ihn bereits in Osh im TES Guesthouse getroffen. Sein Rad hat er in Gilgit stehen lassen und sich das Motorrad ausgeliehen. Er ist auf dem Weg nach Tarishing, von wo aus man den Nanga Parbat sehen soll. Er kommt vom Rama Lake, wo er übernachtet hat und auch Martina hatte eine Nacht am Rama Lake zugebracht.
Nach einer Nacht am Rama Lake beschließen auch wir nach Tarishing zu fahren und treffen dort im Guesthouse, wo wir im Garten das Zelt aufschlagen, wieder Helmut. Im Garten trinken wir zuerst zusammen Tee und essen später dort zu Abend. Es ist sehr wolkig und der Nanga Parbat will sich offensichtlich nicht nackt zeigen. Helmut ist an diesem Tag zum Herrligkoffer Basecamp gegangen, aber auch dort hatte er die Rupalseite des Nanga Parbat nur in Wolken gesehen. Zumindest sehen wir den Raikot mit 7.070 m auch ein stolzer Berg und dahinter sehen wir die Kontur des East Peak des Nanga Parbat, dieser ist allerdings nur 7.530 m hoch.
Wir wollen unser Glück später noch mal im Indus Valley oder auf Fairy Meadows versuchen, um den Naga Parbat in seiner vollen Pracht zu sehen.

In Gilgit verbringen wir eine Nacht im Hotel Serena, dort treffen wir Zia, einen ehemaligen Offizier der pakistanischen Armee, mit dem wir ein interessantes Gespräch über Pakistan, Kaschmir und Indien führen. Er hatte uns angesprochen, da er bereits Bilder von unserem Auto im Internet gesehen hatte. Immer wieder sind wir überrascht wie schnell die Bilder vom Beast die Runde machen.
Von Gilgit aus fahren wir wieder auf dem Karakorum Highway talwärts, hier treffen wir drei italienische Geländewagen, die auch auf dem Weg nach Indien sind. Kurze Zeit später erreichen wir den Punkt, wo die drei großen Gebirge Hindukusch, Karakorum und Himalaya aufeinander treffen.
Das Wetter ist absolut genial, keine einzige Wolke ist am Himmel zu sehen und wir können den Nanga Parbat in seiner ganzen Größe sehen. Wir haben so viele Bücher, Bergsteigergeschichten, Legenden und Tragödien über diesen Berg gelesen und nun stehen wir vor ihm. Das Gefühl ist unbeschreiblich.

In Chilas suchen wir eine Übernachtungsmöglichkeit, aber man versucht uns einen Polizeischutz zur Seite zu stellen und daher beschließen wir weiter über den Barbusar Pass (4.170 m) nach Naran zu fahren. Dieser Anstieg ist für das Beast ein echter Härtetest, auf nur wenigen Kilometern steigt die Straße über 3.000 Höhenmeter, die Temperatur steigt verdächtig stark an und wir verlangsamen unsere Fahrt. Kurz vor der Passhöhe treffen wir wieder auf einen weißen Toyota Geländewagen. Wir geben Lichthupe und halten an, wir können es kaum glauben, es sind Emiel und Claire, ein niederländisch-australisches Paar, mit denen wir Ende Oktober/Anfang November Myanmar durchqueren werden.
Über Murree, wo wir wilde Affen entlang der Straße sehen, führt uns der weitere Weg nach Islamabad und Rawalpindi. In Rawalpindi suchen wir die Werkstätten der Truck Art Künstler und nach einigem Suchen werden wir auch fündig. In einem Hinterhof ist die Werkstatt von Al-Habib Ejaz, wir fragen ihn, ob er uns auf eine der hinteren Seitenscheiben, die wir durch Aluplatten ersetzt haben, ein pakistanisches Truckart Bild malen kann. Während die zwei Künstler sich ans Werk machen, das einen halben Tag in Anspruch nimmt, werden wir mit Gebäck und Tee versorgt. Wir sind die Attraktion, das halbe Viertel kommt und umringt uns. Der Rektor der Schule von nebenan lädt uns auf einen kühlen Schluck ein und am Nachmittag werden wir von ihm mit Essen versorgt.
Die letzte Station in Pakistan ist Lahore, hier haben wir einige Einladungen, die wir aber leider nicht alle annehmen können und so beschließen wir bei Mujahid und seiner Familie zwei Tage zu bleiben.
Die Fahrt zu seinem Haus führt durch enge Gassen, die voller Menschen sind. Die Einfahrt ist eng und das Eisentor hat einen Querträger, wir müssen die Luft aus den Reifen lassen, dass wir hinter dem Tor parken können. Mujahid zeigt uns seine Fabrik, in der in Handarbeit Herrenschuhe aus Leder hergestellt werden. Ich bekomme zwei Paar Schuhe von ihm geschenkt. Seine beiden Söhne sind sehr wissbegierig und fragen uns alles Mögliche, seine Frau Yasmina verwöhnt uns mit pakistanischen Leckereien.
Nach fast einem Monat verlassen wir Pakistan über die Wagah Border nach Indien. Zu Beginn unserer Reise stand für Annette fest, niemals durch dieses Land zu fahren, aber wir haben hier so viele nette Menschen getroffen, grandiose Landschaften gesehen, dass wir eines Tages nach Pakistan zurückkehren werden.

Ein Pakistani hatte uns während unseres Aufenthalts hier gesagt:
„Not all Pakistanis are terrorists.“

Zeitung

Turkmenistan – „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“

Wir haben uns entschieden weiter auf der Seidenstraße nach Norden durch die STAN-Länder nach China zu fahren. In Teheran haben wir Visa für China, Usbekistan und Turkmenistan geholt. Für Turkmenistan bekommt man als Selbstfahrer nur ein Transitvisum, meist nur für drei oder fünf Tage und nur wenn man bereits das Visum für das darauffolgende Land vorweisen kann.

Für Einige ist Turkmenistan das Nordkorea Zentralasiens und tatsächlich ist die Regierung auch eine Diktatur. Saparmyrat Nyýazow, Staatsgründer und Präsident bis zu seinem Tod im Jahre 2006 nannte sich selbst Turkmenbaşı (Führer aller Turkmenen), er benannte die Monate nach sich und seiner Familie um, sowie auch Schulen, Kanäle, Flughäfen, eine Stadt und einen Kometen. Sein Credo war „Halk, Watan, Turkmenbaşı“, was übersetzt so viel wie „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ heißt und stark an einen anderen Diktator erinnert.

Der neue Präsident hat seit 2006 viele Reformen durchgeführt und so darf jetzt wieder getanzt oder in Autos Musik gehört werden.

Wir überqueren die Grenze Iran-Turkmenistan bei Bajgiran. Dort herrscht ein reges Treiben, einige Turkmenen haben im Iran Teppiche gekauft und ein Pick-Up hat diese bis zur Grenzstation gebracht, wo sie nun alle auf einem großen Haufen liegen. Die Menschen beschriften, sortieren und stapeln um. Auffällig sind die Frauen, sie tragen bunte Kleider, die bis zum Boden reichen und große bunte Kopftücher, einige haben auffällig viele Goldzähne. Das Passieren der Grenze geht schnell, kostet aber wieder einmal mehr als 100 US $ und so erreichen wir schon gegen Mittag die Hauptstadt Ashgabat. Die Straße ist nun 4-spurig und wird von einem großen Tor überspannt. Wir sind aber ganz alleine auf weiter Flur. Es ist heiß, sehr heiß und das Thermometer zeigt über 45 °C an. Vom Iran her mussten wir noch einmal ein paar Berge überqueren, doch nun sind wir am Rande der Karakum Wüste angelangt und außer der Hitze spüren wir auch wieder den Sand und Staub in der Luft.

Ashgabat wirkt auf uns wie eine Filmkulisse. Sie könnte Schauplatz eines schlechten Science Fiction Films sein. In der Stadt ist kein Leben, die großen, weißen Gebäude scheinen leer zu stehen und auf den Straßen und Bürgersteigen ist es menschenleer.

Manchmal sehen wir ein paar vermummte Frauen, die die Straßen fegen und die Leitplanken polieren. In einer Wüstenstadt sind das gleichermaßen Sisyphusarbeit wie Tantalusqualen. Und was wir so alles über dieses Land und seine Regierung gelesen haben, muss es den meisten Turkmenen, auch wie die Unterwelt oder Hölle vorkommen, wo nach griechischer Mythologie auch Sisyphus und Tantalus büßen mussten.

Aber auf den äußeren Schein wird hier sehr viel Wert gelegt. So erzählte uns Maurizio, ein argentinischer Backpacker, dass sein Gastgeber in Ashgabat (Couchsurfing) von der Polizei angehalten wurde und ihm unmissverständlich gesagt wurde, dass er sein Auto zu waschen hätte.

Nach 47 Tagen im Iran und ohne richtiges Bier zieht es uns in einen schattigen Biergarten, dort trinken wir erst einmal ein schönes kaltes Bier und versuchen der Hitze zu entfliehen. Als wir jedoch zurück am Auto sind, zeigt das Thermometer über 52 °C an und wir versuchen ein Hotel zu finden. Wir versuchen unser Glück in vieren, aber meist empfängt uns schon der Parkwächter sehr unfreundlich mit No, No, No und so beschließen wir weiter zu fahren und landen gegen Abend in einer Kleinstadt namens Tejen. Wir fragen am Straßenrand einen Mann nach einem Hotel, er ist der Besitzer eines Autoteileladens. Er winkt aber gleich ab, das Hotel sei nicht gut. Leider spricht er nur russisch und so ist die Kommunikation recht schwierig. Aber er setzt sich in sein Auto und fährt vor. Sein Nachbar hat eine Art B&B (Bed and Breakfast) und das Zimmer ist sauber, die Toilette ist im Hof und die Dusche besteht aus mehreren alten Blecheimern, aber er fängt bereits an, das Wasser zu erhitzen. Wir gehen noch was essen und kehren dann zu unserem B&B zurück. Als wir gerade unser Gepäck ins Zimmer geschafft haben, klopft es und der Mann aus dem Autoteileladen steht wieder da. Er ist aufgeregt, klopft sich auf die Schultern und salutiert. „Police, Problem, Hotel“. Alles klar wir haben verstanden, private Unterkünfte sind hier unerwünscht und so ziehen wir ins Hotel um. Und dieses ist wirklich schlecht. Wir kriegen die Suite mit Bad, die Toilette ist aber auch auf dem Hof. Als erstes holen wir „Baygon“ aus dem Auto, das gute Mittel von der Firma Bayer Leverkusen, Abteilung Insektenbekämpfung haben wir noch aus Griechenland. Wir sprühen bis wir beide selbst einen Hustenanfall bekommen und ziehen uns dann zurück. Morgens um 06.00 Uhr stehen wir auf, die halbe Tierwelt Turkmenistans liegt auf dem Rücken, kurze Zeit später sitzen wir im Auto Richtung Mary. Am liebsten würden wir direkt nach Usbekistan fahren, dummerweise sind die Visa aber zeitlich genau aufeinander abgestimmt und wir müssen 5 Tage in diesem Land bleiben. So beschließen wir in Mary eine gute Bleibe zu finden und uns Gonur Depe und die UNESCO Stätte Merv anzusehen.

Der Ort, einst eine wichtige Station an der Seidenstraße, ist seit der Jungsteinzeit besiedelt. Den ersten Höhepunkt erlebte Merv im 2. Jahrtausend v. Chr, hieß nach der Eroberung durch Alexander den Großen auch schon Alexandria oder trug zu Zeiten König Antiochos I. den Namen Antiochia.

Das Gelände ist sehr weitläufig und daher nur mit dem Auto zu besichtigen, an den historischen Stätten sind keinerlei Hinweisschilder angebracht, wo man Informationen dazu erhalten könnte, Führungen werden keine angeboten und das sehr kleine Museum war geschlossen. Es scheint, dass Touristen hier unerwünscht sind. Wir schauen uns das Mausoleum von Sultan Sanjar und Fort Kyz Kala an. Informationen darüber entnehmen wir dem Lonely Planet Central Asia, einem Geschenk von Fabian und Sandra (Cloud Machine), unseren Reisefreunden, die wir in Kappadokien und im Iran getroffen haben.

Tags drauf versuchen wir die Ausgrabungsstätte Gonur Depe zu finden, laut unseren Unterlagen eine der größten archäologischen Ausgrabungen im Nahen Osten, die nach Ägypten, Mesopotamien, China und Indien das fünftgrößte Zentrum der Zivilisation bildet. Doch es ist schwierig den Weg zu finden, im Lonely Planet ist der Weg nur vage beschrieben und es gibt keine GPS Koordinaten, das Internet ist nicht verfügbar, Straßenschilder gibt es auch keine und so stoppen wir einen Eselswagen mit 4 Leuten, die gerade ein Motorrad abschleppen. Aber von Gonur Depe haben alle 4 noch nie etwas gehört, es kommen noch einige Leute aus dem nahen Dorf hinzu und einer scheint etwas zu wissen und gibt uns eine Wegbeschreibung. Wir finden zwar einen historischen Platz, gewiss nicht Gonur Depe, aber leider gibt es auch hier keinerlei Schilder mit Erklärungen und so kehren wir wieder nach Mary zurück, ohne die Ausgrabungsstätte gefunden zu haben, aber dafür hatten wir Kontakt zu hiesigen Polizei. Diese steht überall am Straßenrand, beobachtet, kontrolliert und protokolliert alles. Mit orangen Schlagstöcken deuten sie den Autos an anzuhalten, wir hatten die Geste wahrscheinlich missverstanden und sind weitergefahren, nach ca. 5 Minuten hat uns dann ein Polizeiwagen gestoppt und Pässe samt Visa gecheckt.

Die Straßen sind in einem katastrophalen Zustand und man benötigt unglaublich viel Zeit selbst um nur kurze Strecken zurückzulegen. Wir fragen uns schon, wo die Erlöse aus den Öl- und Gasgeschäften landen.

Die letzte Station in diesem Land ist die Stadt Turkmenabad an der Grenze zu Usbekistan. Hier übernachten wir noch einmal und stehen um 07.00 Uhr an der alten Pontonbrücke über den Amu-Darya River. Die Einheimischen fahren zur Zahlstelle übergeben eine Münze und überqueren den Fluss, bei uns zeigt uns der Kassierer an, rechts ran zu fahren. Wir müssen warten bis um 09.00 Uhr die Bank aufmacht. Nach einer kurzen Diskussion machen wir halt einen Kaffee am Straßenrand und beobachten den Verkehr. Die ausländischen LKW stehen auch noch alle da und so suche ich einen Iraner auf und frage ihn, ob er Rials gegen usbekische Soms tauschen will. Er willigt ein und kurze Zeit später sind wir stolze Besitzer von 100.000,00 Som. Der Unterschied zum iranischen Geld ist, dass die Usbeken nur kleine Scheine haben, im Iran gab es 500.000 Rial Scheine und in Usbekistan waren, die größten, die wir gesehen hatten 5.000-er Scheine. An der Grenze gab´s aber nur 1.000-er Scheine und so ging der Geldbeutel nicht mehr zu, weshalb wir dann auf Plastiktüten umgestiegen sind.

Gegen 08.00 Uhr kommt der Bankier, wir zahlen 20 US$ und dürfen nach mehreren Kontrollen die Brücke passieren. Kurze Zeit später sind wir am Zoll und freuen uns auf Land Nr. 17 Usbekistan.