Overlander

Wüste, Staub und Diamanten

Regen prasselt auf unser Zelt, der elektrische Heizlüfter glüht und bläst kontinuierlich heiße Luft unter unseren Frühstückstisch. Wir schlürfen dampfenden Kaffee und beratschlagen uns, ob wir heute den Grenzübertritt nach Namibia wagen sollen. Es ist Freitag und wir wollen an der Grenze für einige Dinge, die wir in Südafrika gekauft haben die Steuer zurück, daher verlassen wir kurz vor Mittag Springbok in Richtung Namibia.

Der Übertritt ist problemlos, es gibt lediglich kurze Unsicherheiten, wie das Carnet gehandhabt werden soll. Botswana, Namibia und u. a. Südafrika haben sich zu einer Zollunion zusammengeschlossen und die Frage war nun, ob das Carnet in Südafrika oder erst, wenn wir die Zollunion verlassen, ausgestempelt werden soll. Am Ende erhielten wir einen Stempel und wir ließen das Carnet in Namibia wieder einstempeln. Aufgrund anderer Posts im Internet haben wir zu diesem Thema den ADAC befragt und diese Antwort erhalten:

„ … in der Regel ist die Zollunion wie die EU, d.h. Sie können ein- und ausreisen wie Sie möchten. Somit ist der Zöllner nicht verpflichtet, die Ein- und Ausreise von Südafrika nach Namibia zu stempeln. Allerdings sollten Sie bitte unbedingt beachten, dass Sie somit für eine „echte“ Ausreise aus der Zollunion nach Simbabwe oder Mosambik reisen müssten.“

Wir haben auf der weiteren Reise dann jedes Land für sich ein- und ausstempeln lassen.

Die Steuer, die wir zurück haben wollten, kriegen wir leider nicht ausbezahlt. Land- und Luftverkehr unterscheiden sich auch hier deutlich. Dafür erhalten wir ein Merkblatt und eine Adresse in Windhuk, wo wir die Auszahlung beantragen können. Allerdings mussen wir auch noch mit einem Grenzspediteur ein Ausfuhrdokument erstellen, das der südafrikanische Zoll dann abgestempelt, so dass wir einen Nachweis haben, dass die Produkte auch wirklich ausgeführt wurden. Der namibische Zoll verzichtete auf ein Einfuhrdokument und versieht das Ausfuhrdokument mit dem Stempel „IMPORTED“.

In Aussenkehr verbringen wir das Wochenende. In unserem Handbuch für Namiba ‚Road Tripping Namibia‘ finden wir einen Hinweis auf den King’s Throne Canyon und fragen an der Rezeption der Norotshama Campsite nach Details. Wir benötigen eine Permit, die 145 Rand kostet und dann können wir losfahren. Wir erhalten einen Schlüssel für das Gate und eine vage Routenbeschreibung.

Im Canyon sind wir ganz alleine und wir finden eine schöne Stelle, an der wir die unsere Drohne aufsteigen lassen und Videoaufnahmen machen. Unsere Blicke hängen an der Drohne bis der Akku leer ist, wir landen die Drohne und erschrecken uns kräftig. Um unsere Füße herum tummelt sich ein Skorpion. Noch nie zuvor haben wir einen gesehen, aber es bedarf keiner Erklärung. Wir dachten bisher, dass die viel kleiner sind. Ein zweiter Blick fällt auf unsere Flip Flops und im Eiltempo laufen wir an unser Auto und ziehen feste Schuhe an. Wir erinnern uns wieder an die Worte einer Südafrikanerin, sie warnte uns vor Schlangen und Skorpionen, die gäbe es dieses Jahr sehr häufig. Am nächsten Tag, im Fish River Canyon, erfahren wir, dass es sich um den großen, schwarzen, haarigen Dickschwanzskorpion handelt, der hier häufig vorkommt und einer der Giftigsten im südlichen Afrika ist.

Nach guten 4 Stunden haben wir die Off Road Tour durch den King’s Throne Canyon beendet und fahren zurück zum Camp. Am Abend erleben wir einen fantastischen Sonnenuntergang am Fluß, bei einem kühlen Bier machen wir einen Plan für Namibia.

Hinter Ai-Ais, im ‚Ai Ais-Richtersveld Transfrontier Park‘ erwartet uns der Fish River Canyon, Mutter Erde zeigt sich hier von ihrer schönsten Seite. Der Canyon ist 161 km lang und 27 km breit, an der tiefsten Stelle misst er 550 m und nach dem Grand Canyon ist dieser der zweitgrößte auf der Erde. Wir stehen bei Hobas am Abgrund und schauen in die Tiefe. Am Abend kommen wir noch einmal zurück und im magischen Licht des Sonnenuntergangs ergreifen uns seltsame Gefühle, wir fühlen uns so unendlich klein. Der Canyon hat uns in seinen Bann gezogen, wir übernachten in der Nähe und kommen zum Sonnenaufgang noch einmal wieder. Wir setzen in der Morgendämmerung einen Kaffee auf, sitzen am Abgrund und wärmen unsere Hände an der heißen Blechtasse, während wir auf die ersten Sonnenstrahlen warten. Am Horizont wird es immer heller und dann endlich erblicken wir die ersten Sonnenstrahlen. Der Canyon scheint nun auch zum Leben zu erwachen, das dunkle grau färbt sich langsam rötlich, mit dem Fernglas können wir nun die Wanderer sehen, die in 5 Tagen den Canyon durchwandern. Zuvor hatten wir sie nur als Lichtpunkte wahrgenommen. Im Canyon muss es noch viel kälter sein als hier oben, aber wenigstens wärmt uns jetzt die Sonne ein wenig. Wir frühstücken noch und dann machen wir uns auf der C37 und C12, einer guten Sandpiste auf, in Richtung Norden. Nach einigen Kilometern kommen wir an das Canyon Roadhouse, einem Tipp von Jörg aus Cape Town, wir halten kurz und wollen tanken, leider ist die Pumpe ausgefallen und jetzt wird mit Kanistern getankt, wir verzichten darauf, schauen uns noch im Café und Shop um, kaufen einen Namibia Aufkleber für das Auto und fahren weiter bis Seeheim. Dort an der Tankstelle ist der Diesel leider aus und so fahren wir mit dem allerletzten Tropfen Diesel bis nach Aus.

Wir tanken voll und ich gehe in den Shop um zu bezahlen, die Dame hinter dem Tresen sitzt auf einem Stuhl und spricht mich auf Deutsch an. Es riecht streng nach Schnaps. Ich bezahle und frage nach dem Preis für Camping. Gegenüber hat die Tankstelle noch einen kleinen Platz zum Campieren. Der Preis ist ok, wir schlagen das Zelt auf und Annette kauft im Shop noch eine namibische SIM Karte, trotz alkoholbedingter Schwierigkeiten aktiviert die Verkäuferin die Karte und lädt noch ein Datenvolumen dazu. Sprechen tut sie allerdings nur das Nötigste. Wir gehen zu Fuß in das nahegelegene Hotel Bahnhof und essen eine Kleinigkeit zu Mittag. Wir treffen dort eine Reisegruppe, darunter sind einige Leuten aus dem Wiesental.

Am Abend essen wir nochmal im Bahnhof und zum Dessert gibt es Schwarzwälder Kirschtorte, einen Kaffee und ein Kirschwasser. Wir fühlen uns fast wie zu Hause.

Diesen Bahnhof hatten die Deutschen vor über 100 Jahren hier gebaut, als sie in nur 10 Monaten eine Bahnlinie vom Hafen Lüderitz, quer durch die Wüste Namib ins Landesinnere über Aus bis Keetmanshoop errichteten.

Lüderitz ist unser nächstes Ziel, davor besuchen wir aber noch die wilden Pferde von Garub, etwa 23 Kilometer westlich von Aus. Dort wurde eine ehemalige Pumpstation, an der Dampflokomotiven Wasser aufgefüllt haben, zu einem Brunnen mit Wasserloch umgebaut, an dem die wilden Pferde regelmäßig zur Tränke kommen.

Während des ersten Weltkrieges hatten südafrikanische Unionstruppen hier in der Nähe 10.000 Mann und 6.000 Pferde in einer Militärbasis untergebracht. Das Deutsche Reich hatte in Aus ein Flugzeug und einen Piloten stationiert. Dieser griff mit dem Flugzeug dreimal die Stellungen an und am 27. März 1915 entkamen bei diesem Angriff 1.700 Pferde und flohen in die Wüste. Einige wurden wieder eingefangen, aber seit diesem Zeitpunkt haben es diese Pferde geschafft, in dieser kargen Gegend in Freiheit zu überleben.

Um nach Lüderitz zu gelangen, müssen wir nun auch durch die Namib fahren, aber die B4 ist bestens ausgebaut und wir kommen gut voran. Schilder entlang der Straße warnen vor Sand und Wind.

Die Stadt ist nach dem Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz benannt, der 1883 dort Land kaufte und durch einen Meilenschwindel und weiteren Zukauf den Grundstein für die deutsche Kolonie Deutsch- Südwestafrika legte. Bei unserer Ankunft besuchen wir den Diaz Point, dort errichtete 1488 der portugiesische Seefahrer Bartolomeu Diaz ein Steinkreuz, als er hier, auf der Suche nach dem Seeweg nach Indien, in der Bucht anlegte. Wir treffen hier auf Flamingos und machen einige Fotos. Im Diaz Coffee Shop essen wir Mittag, es gibt Kartoffelbrei und Rotkraut.

Gut gestärkt fahren wir ein kurzes Stück zurück in die Geisterstadt Kolmanskuppe. Hier fand ein Arbeiter der Eisenbahngesellschaft 1908 einen funkelnden Stein und übergab diesen dem deutschen Stationsvorsteher Adolf Strauch. Dieser hatte seine Arbeiter angewiesen, die Augen nach funkelnden Steinen offen zu halten, während sie die Gleise von Sand befreiten.  Eine nachfolgende Untersuchung ergab, dass es sich um einen Diamanten handelte und damit brach das Diamantenfieber aus, das bis ca. 1930 anhielt, die Abbaugebiete verlagerten sich danach weiter nach Süden und der Ort wurde aufgegeben und der Wüste überlassen.

Leider werden heute keine Führungen mehr angeboten und daher verschieben wir die Besichtigung auf den folgenden Vormittag.

Der Guide empfängt uns im ehemaligen Ballsaal. Als wir eintreten, fühlen wir uns wie in der Sport- und Festhalle in Wieslet. Es gibt eine Bühne und einen Balkon, Parkettboden und es sind die alten Turngeräte ausgestellt. Barren, Bock, Pferd und ein Sprungbrett.

Er erklärt uns, dass in Kolmanskuppe, trotz lebensfeindlichster Bedingungen bis zu 400 Menschen gewohnt, gelebt und gearbeitet haben. Es gibt kein Wasser und keine Pflanzen, nur Hitze, Sand und regelmäßige Sandstürme.

In Kolmanskuppe gab es alles, was man damals für Geld kaufen konnte, die Bewohner wurden jeden Tag mit einem Block Eis für den Kühlschrank und Trinkwasser beliefert. Der Ort hatte eine Straßenbahn, über die die Auslieferung lief. Das Eis stammte aus der Eisfabrik, den Strom lieferte das Elektrizitätswerk. Es gab eine vollautomatisierte Bäckerei, eine Metzgerei, Läden, ein Salzwasserschwimmbad, eine Kegelbahn und ein Krankenhaus, in dem das erste Röntgengerät  auf der Südhalbkugel installiert war. Die Wohnhäuser wurden solide aus Stein, nach deutschem Vorbild errichtet. Ein Mitarbeiter war für das Unterhaltungsprogramm der Bewohner zuständig, es gab Theater, Karneval und Sportveranstaltungen. Nur eine Brauerei gab es nicht, wohl aus Wassermangel musste man darauf verzichten.

Adolf Strauch erkundete die weitere Umgebung und im Idatal, dem sogenannten Märchental schickte er abends den Mitarbeiter Jakob zum Brennholz sammeln, damit dieser Kaffee machen konnte. Jakob kehrte zurück, die Hosentaschen und beide Hände voller Diamanten. Im Mondlicht sahen sie die Diamanten funkeln und Stauch murmelte „ein Märchen, ein Märchen“.

Zu dieser Zeit lagen die Diamanten an der Oberfläche in der Wüste. Es wurden in Kolmanskuppe nun Einheimische angeworben, die im Liegen Zentimeter für Zentimeter des Geländes nach Diamanten absuchten. Diese rund 800 Arbeiter waren in einem separaten Teil von Kolmanskuppe untergebracht und diese erhielten einen Zwei-Jahres-Vertrag. Kurz vor Ablauf des Vertrages kamen sie in eine Quarantäne und bekamen Rizinusöl. Ihr Geschäft mussten sie dann über einem Sieb verrichten, damit wollte man dem Diamantenschmuggel vorbeugen. Auch das Röntgengerät wurde im Kampf gegen den Diamantenschmuggel eingesetzt.

Zu dieser Zeit kamen 20 Prozent der Weltproduktion aus dieser Gegend, die Deutschen bauten ungefähr 1000 Kilogramm Diamanten ab und Kolmanskuppe galt als die reichste Stadt Afrikas.

Es ist beeindruckend, was die Menschen damals, unter diesen Umständen alles geschaffen hatten. Kolmanskuppe hatte 1911 einen elektrifizierten Anschluss an die Eisenbahnlinie Lüderitz – Aus, bis heute der Einzige, den es in Namibia jemals gab.

Auf dem Rückweg halten wir kurz an der neuen Eisenbahnlinie an, eine Wanderdüne blockiert die Gleise, die Bauarbeiten dauern nun schon seit mehr als 10 Jahren an und noch immer fährt kein Zug.

Wir biegen auf die D 707 ab, eine der schönsten Straßen in Namibia, wie wir mehrfach gehört haben. Die Sandpiste ist gut zu fahren und an der Koiimasis Ranch halten wir an und fragen nach Campingmöglichkeiten. Wir treffen hier Lilly und Eric, die mit einem Mietwagen unterwegs sind. Vor einigen Jahren sind sie 2 Jahre durch Australien gefahren. Wir grillen zusammen und tauschen Overlandergeschichten aus.

Der nächste Morgen beginnt mit viel Durst und leichtem Brummen hinter der Stirn, trotzdem fahren wir bis Sesriem, dem Ausgangsort für Sossusvlei.

Dort zelten wir, machen am Abend ein schönes Feuer und grillen. Wir gehen früh schlafen, denn am nächsten Morgen stehen wir um 04.45 Uhr auf und sind 30 Minuten später am Gate. Es ist ein Auto vor uns, ich ziehe noch kurze Hosen an und feste Schuhe, in der Zwischenzeit wird das Gate geöffnet und sofort zieht ein anderes Fahrzeug an uns vorbei. Weitere folgen, es besteht zwar ein Tempolimit, aber es bricht ein wahres Wettrennen aus. Nach 45 Kilometern erreichen wir die Düne 45, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als wir dort anhalten. Der Großteil der Fahrzeuge fährt weiter zum Sossusvlei. Im Dunkeln können wir schon Menschen erkennen, die bereits den Aufstieg zur Düne in Angriff genommen haben und auch wir beginnen mit dem Aufstieg. Der Grat ist schmal und der Sand weich, es ist anstrengend aber wir kommen gut voran. Ich überhole alle, die noch vor mir sind und bin als erster oben, Annette kommt etwas später. Wir warten auf den Sonnenaufgang, in der Ferne können wir zwei Heißluftballons beobachten, die in der Morgendämmerung aufsteigen. Als die Sonne kommt, färben sich die Dünen dunkelrot, es ist wunderschön. Wir erfreuen uns an der Stille und steigen dann querfeldein von der Düne wieder ab, es macht einen Riesenspaß die Dünen herunter zu laufen, die Schuhe füllen sich komplett mit Sand. Unten wieder angekommen, bereiten wir unser Frühstück zu und unterhalten uns noch mit zwei Schweizern.

Danach fahren wir weiter zum Sossusvlei, was so viel wie ‚toter Fluss‘ bedeutet. Das letzte Stück ist nur für 4×4 Fahrzeuge freigegeben und nach einem kurzen Stück stecken schon die ersten Touristen im Sand fest. Vom Parkplatz aus ist es noch etwa ein Kilometer zu Fuß durch den Sand, dann kommt man an diese Salzpfanne. Wir gehen jedoch ein Stück außen herum und überqueren dann eine Düne und sehen den Sossusvlei zuerst von oben. Es sieht unwirklich weiß aus, übersät mit toten Bäumen. Als wir unten in der Pfanne ankommen, ist es unendlich heiß und wir haben Durst. Zurück beim Auto trinken wir ausgiebig und setzen uns in den Schatten. Wir essen was und ruhen uns aus. Nach dem Mittag sind alle Autos verschwunden und wir gehen mit der Drohne zurück zum Sossusvlei, machen einige Aufnahmen und machen uns dann wieder auf den Rückweg. Zurück in Sesriem besuchen wir noch den Sesriem Canyon und danach benötigen wir eine ausgiebige Dusche.

Namibia ist Staub, Staub und Staub. Aber einzigartig und wunderschön, wir sind gespannt auf das, was noch kommt.

 

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Karakorum Highway – auf das Dach der Welt

Independence Day – es ist der 14. August als wir nach Pakistan einreisen und im 21. Land unserer Reise ist Feiertag. Die Fahrzeuge sind mit Fahnen dekoriert und die Häuser und Höfe mit Flaggen geschmückt.

Die chinesische Grenzabfertigung war bereits in Tashkurgan, einem alten Handelsposten auf der Seidenstraße, der Name bedeutet „steinerne Stadt“, eine Bezeichnung für die alte Befestigungsanlage, die chinesische Wissenschaftler auf über 600 Jahre schätzen. Tashkurgans Rolle als Handelsposten auf der südlichen Seidenstraße ist aber vermutlich wesentlich älter. Man geht davon aus, dass der Ort möglicherweise mit dem ‚Steinerner Turm‘ (Lythinos pyrgos) identisch ist, den der Naturforscher Claudius Ptolemäus um 150 n. Chr. in seinen Aufzeichnungen erwähnt. Die Kenntnis über den vollständigen Verlauf der Seidenstraße von Xi’an bis zum Mittelmeer war zur damaligen Zeit auf Seiten der Römer wie Chinesen gleichermaßen ungenau und endete jeweils etwa in der Umgebung des Pamir Gebirges. In den Aufzeichnungen des Ptolemäus findet sich, dass die Seidenstraße hinter Baktra die Komedoi-Berge überwinde, womit wohl der Pamir gemeint ist, und dort auf den ‚Steinernen Turm‘ treffe. Danach begann für die Römer ‚terra incognita‘ und auch wir begeben uns mit einem etwas flauen Gefühl in ein unbekanntes Land, von dem man in den letzten Jahren leider wenig Gutes gehört hat.

Die Strecke führt weiterhin durch die herrlich sanften Hochtäler des Pamir, bis am Horizont, wie eine schwarze Wand die dunklen Zinnen des Karakorum-Gebirges auftauchen und gegen Mittag erreichen wir den Khunjerab-Pass (4.733 m), den höchsten Punkt des Karakorum Highways.

Sein Name bedeutet auf Whaki, der Sprache der hiesigen Bevölkerung ‚Tal des Blutes‘: Die Karawanenführer schlitzten ihren Pferden, die wie die Menschen unter der Höhenkrankheit litten, die Nüstern auf, weil sie glaubten, das Nasenbluten würde ihnen die Strapaze des Aufstiegs erleichtern. Andere interpretieren den Namen Khunjerab schlicht als ‚Pass des Khan‘.

Dort oben müssen wir das schwere Eisentor selbst öffnen, um von China nach Pakistan zu kommen. Wir machen noch einige Fotos und fahren dann zum ersten pakistanischen Posten, das ist nur ein hölzernes Häuschen mit Schranke und die Soldaten empfangen uns mit einem herzlichen „Welcome to Pakistan“. Sie schauen sich kurz das Visum an und öffnen die Schranke, der pakistanische Zoll ist erst in Sost.

Wir sind gespannt, wie wir durchkommen werden, einige Leute erzählten uns, dass die Straße noch gesperrt sei, denn aufgrund von starkem Schmelzwasser sind große Teile des Karakorum Highways (KKH) weggespült worden. Auch Luc und Laurant, die beiden Luxemburger, die wir in Kashgar getroffen hatten, sind per Flugzeug von Pakistan nach China gereist, da auf dem KKH kein Durchkommen war.

Wir kommen gut voran, die Straße ist eine der Besten, die wir seit Langem befahren haben. An einigen Stellen liegen noch große Steine auf der Straße, die man aber gut umfahren kann. Einmal schiebt ein Bagger mit dem Löffel die großen Brocken zur Seite, das ist zwar nicht gut für den Asphalt, geht dafür aber umso schneller. Dann staut sich aber auf einmal der Verkehr und wir müssen anhalten, zahlreiche Leute stehen auf der Straße und so steigen auch wir aus und besichtigen die Baustelle. Auf der Straße liegt der Schutt schätzungsweise 4 m hoch, ein Bagger steht zwar da, wird aber nicht bewegt. Auf der anderen Seite steht eine Raupe, zwischen den beiden Maschinen liegen auf einer Länge von mehr als 20 m Schlamm und Geröll, das sich beim Überqueren zu Fuß wie eine schwabbelige Masse anfühlt, in der einige Motorradfahrer stecken bleiben, beim Versuch diese zu überwinden. Kurze Zeit später beginnen die chinesischen Straßenarbeiter, die nach den Erdrutschen im 24-Stunden Schichtbetrieb an 7 Tagen der Woche an der Räumung arbeiten, damit, den letzten Abschnitt der Straße frei zu machen und so erreichen wir das Städtchen Sost am späteren Nachmittag, wo die Einreiseabfertigung stattfindet. Wir fahren in den Zollhof, ein Zöllner führt uns in das Gebäude, wo wir mit „Hello, how are you?“ begrüßt werden. Es ist schwierig für uns, Zöllner, Passanten und Reisenden auseinander zu halten, viele tragen die traditionellen Gewänder Pakistans, den ‚Shilwar Kamez‘. Zuerst füllen wir einen Gesundheitsfragebogen aus, dann werden unsere Visa geprüft und wir erhalten den Einreisestempel. In einem separaten Büro wird unser Carnet für das Fahrzeug gestempelt und dann gehen wir wieder in den Hof, ein freundlicher Beamter fragt uns, als er ins Auto schaut, ob wir Dinge „for Business“ dabei hätten oder alles private Sachen wären, als wir ihm dann sagen, dass alles nur Privatkram sei, verzichtet er auf eine nähere Inspektion und nach nur 35 Minuten verlassen wir den Zollhof.

Die erste Nacht verbringen wir in Sost und am Morgen fahren wir weiter nach Passu. Dort zelten wir im Garten des Hotel Sarai Silk Route. Wir machen einen Ausflug an den Passu Gletscher und im Hintergrund sehen wir die ganze Kette der 7.000er der Passu Range. Auf dem Rückweg kehren wir im Cafe ‚Glacier Breeze‘ ein und gönnen uns ein Stück Aprikosenkuchen und einen Kaffee. Im Hunzatal hat die Aprikosenernte begonnen und überall sehen wir Aprikosen, die zum Trockenen irgendwo ausgelegt sind. Wir genießen die nachmittäglichen Sonnenstrahlen mit einem tollen Ausblick auf die Passu Cones oder die Kathedralen von Passu, einer bizarren Felsformation.

Unser nächstes Ziel ist Karimabad, dem Wohnsitz des ehemaligen Mirs von Hunza, doch zuvor müssen wir den Attabad Lake überqueren, die Einheimischen nennen den See einfach nur ‚Disaster Lake‘, weil sich dieser nach einem großen Erdrutsch im Jahr 2011 aufgestaut hat. Als wir am Nordufer ankommen, regnet es leicht und es ist kalt. Es geht geschäftig zu, in diesem „Fährhafen“. Es kommen Boote, die Kraftstoff in Kanistern anliefern oder die Fahrgäste, Autos und Kleinlastwagen anliefern. Es gibt keine Ordnung, jeder versucht zuerst anzulegen ober abzulegen. Die Menschen rufen und gestikulieren wild durcheinander.
In Sost hatte ich einen Einheimischen mit einem Toyota Pickup getroffen und wir hatten über die Fährpreise gesprochen. Er sagte mir, dass die Überfahrt für seinen Pickup 2.500 Rupien kosten würde.
Natürlich sind wir am Ufer in kürzester Zeit von vielen Kapitänen umringt, die uns ihre Dienste anbieten. Jeder hat das sicherste Boot und will uns an das Südufer schippern. Ich verhandle die Preise, doch alle möchten 5.000 Rupien haben. Als ich ihnen erzähle, dass ich die Preise kenne und der Normalpreis bei 2.500 Rupien liegt, verweisen alle auf die Fahrzeuggröße und das –gewicht. Ich hatte ihnen gesagt, dass das Beast über 3.500 kg wiegt und am Ende willigt einer meiner Verhandlungspartner auf einen Fährpreis von 4.000 Rupien ein. Ich zahle ihm das Geld und wir warten, bis sie ihr Boot in Position bringen können. In der Zwischenzeit kommt der Sohn meines Verhandlungspartners, der auch Kapitän auf unserer Fähre ist und erklärt mir, dass er für ein Auto mit unserem Gewicht zwei Boote benötigt und ich noch 2.000 Rupien aufzahlen müsste. „Das ist nicht in Ordnung“ erklären wir ihm, es sei von Anfang an klar gewesen, was das Auto wiegt und jetzt kommt der Einwand mit dem zweiten Boot, wir beharren auf den 4.000 Rupien. Daraufhin läuft er weg. Seine Sandalen und Hosen sind total durchnässt, er zittert am ganzen Leib und reibt sich immer wieder die Hände. Seine Haare sind auch ganz nass und sein Gesicht ist von der Kälte gerötet. Der arme Kerl tut mir leid.

Knappe 20 Minuten später steht uns Boot bereit und gefühlte Stunden später steht auch das Beast oben drauf. Ich bin total nervös und angespannt. Ich sitze im Boot und kann nichts mehr tun, das Auto ist nur mit Steinen gegen wegrollen gesichert. Die Holzdielen sind mit Hanfseilen irgendwo angebunden. Ich habe die schlimmsten Befürchtungen und mache mir in Gedanken Vorwürfe, warum ich auf das zweite Boot verzichtet habe. Wir legen ab, die heikelste Situation, denn hier herrscht noch eine richtig starke Strömung und als das Boot quer in der Strömung liegt, neigt es sich gefährlich zur Seite. Der Neigungssensor der Alarmanlage spricht an und das Heulen der Sirene geht allen durch Mark und Bein, auf der ganzen Fahrt wird sie noch einige Male laut durch die Bergidylle schallen. Meine Hände sind schweißnass, aber nun fahren wir in Richtung Südufer. Laut unserem Kapitän wird die Überfahrt ungefähr eine Stunde dauern. Zwischendurch richten wir die unterlegten Steine nochmal neu aus und ich ziehe die Handbremse nach. Mehr können wir nicht tun und uns fallen Steine vom Herzen, als wir endlich den Empfangshafen sehen.

Am Nachmittag erreichen wir ‚Eagles Nest‘, oberhalb von Karimabad, wo wir für einige Tage unser Zelt aufschlagen. Von hier aus haben wir einen herrlichen Blick auf den Rakaposhi (7.788 m) und den Lady Finger (6.000 m), eine schneefreie Felsnadel am Ultar Peak (7.388 m).
Eagles Nest ist ein Aussichtspunkt, wo sich ein Hotel und einige Campsites befinden und liegt auf etwa 3.000 m. Die Fahrt dahin ist recht abenteuerlich, die Straße ist sehr eng, kurvig und extrem steil. Wir machen zu Fuß einen Ausflug nach Karimabad, das ca. 900 Höhenmeter tiefer liegt, wir gehen am Altit Fort vorbei, das vor einigen Jahren frisch renoviert wurde, jedoch schrecken uns die 700 Rupien Eintritt pro Person (nur für Ausländer) ab und so sehen wir es nur von außen. In Karimabad treffen wir beim Point Zero Ali, er hat uns auch schon im Fährhafen gesehen. Er arbeitet hier in einem Büro, das Trekkingtouren anbietet und gibt uns ein paar Tipps, was wir unternehmen könnten. Er zeigt uns auf der anderen Talseite ein Seitental in dem Edelsteine abgebaut werden und er empfiehlt und das Hoper Valley, außerdem sagt er uns, dass es hier in Karimabad ein kleines Unternehmen gibt, das die Edelsteine schneidet, schleift und fasst. Das wollen wir uns ansehen, da wir ja noch die Rubine aus Tadschikistan haben. Wir gehen im Ort Richtung Baltit Fort, das war der ehemalige Regierungssitz des Mir von Hunza und kehren im Cafe de Hunza ein. Hier gibt es Walnusskuchen und richtigen Kaffee. Wir haben die Wahl zwischen Nespresso Kapseln und Lavazza Kaffee, auch steht Rösti auf der Speisekarte. Der Wirt erzählt uns später, dass er vor einigen Jahren in der Schweiz war und von dort das Rezept für Rösti und auch für den Walnusskuchen mitgebracht hat.
Nachdem wir zuerst Rösti gegessen haben und dann noch einen Kaffee mit Walnusskuchen probiert haben gehen wir zu der Steinschleiferei und fragen, ob sie uns die Steine aus Tadschikistan schleifen könnten. Das wäre kein Problem teilt man uns mit und wir sollen morgen gegen 12 Uhr wieder kommen, dann sei dann auch Strom verfügbar und sie könnten unsere Steine schleifen. Tadschikistan sei berühmt für seine Rubine.

Tags darauf steht Fida bereit unsere Rubine zu schleifen. Fida sei die Beste und berühmt für ihre Fähigkeiten, aber leider werden wir sogleich enttäuscht. Ein kurzer Blick auf unsere Rubine und dann erklärt uns der Chef, dass es sich bei unseren Steinen leider nicht um Rubine, sondern nur um Garnet handelt. Fida schleift uns aber trotzdem 3 der Steine und so verlassen wir nach ca. 2,5 Std. die Werkstatt mit 3 schön geschliffenen Halbedelsteinen. Das Ganze hat uns ca. 2,50 Euro gekostet.

Im Hoper Valley, einem Seitental des Hunza Valley, das wir am folgenden Tag erreichen findet gerade das Cultural Revival Festival statt und als wir am Ende des Tales den Gletscher besichtigen, filmen und interviewen uns drei Leute, die über das Festival im TV berichten. Danach werden wir zum Festival geführt, wo wir zum Tanzen aufgefordert werden und auch der Minister von Gilgit-Baltistan begrüßt uns freundlich.

Wir campen im Hof des Restaurants ‚Hoper Inn‘, sitzen dort im Garten und trinken Tee, während wir etwas am Laptop arbeiten. Plötzlich werden Getränke und Pommes serviert, eine freundliche Familie aus Lahore lädt uns dazu ein. Später trinken wir mit ihnen noch Kaffee und am Abend essen wir zusammen. Mujahids Familie lädt uns ein, bei ihnen in Lahore zu wohnen, wenn wir dort ankommen, wo er eine Fabrik für Herrenschuhe hat.
Doch zuvor fahren wir das Hunza Valley weiter talwärts bis Gilgit, der Hauptstadt Gilgit-Baltistans. Auf der Fahrt dahin passieren wir eine Stelle, wo vor ca. 55 Mio. Jahren die indische und die eurasische Kontinentalplatte aufeinandertrafen und dadurch diese riesigen Gebirgsmassen formten. Von Gilgit machen wir einen Ausflug in das Gilgit Valley. Wir wollen eine alte steinerne Buddha Statue besuchen, bevor der Islam in dieser Gegend Verbreitung fand war die Bevölkerung dem Buddhismus zugewandt. Wir passieren einige Checkpoints, die es hier überall gibt und wir uns dort als Ausländer regiestieren müssen. Mittlerweile haben wir von unseren Pässen Kopien gemacht, die wir dann dort einfach nur abgeben. Auf dem weiteren Weg treffen wir noch einen schweizerischen Offizier mit blauem Barett, er dient für ein Jahr in einer UN Einheit und überwacht als Blauhelmsoldat die Line of Control (LOC) zwischen Pakistan und Indien im umstrittenen Kaschmirgebiet.

Nach Gilgit, am Zusammenfluss von Gilgit River und Indus, der von Tibet über Indien nach Pakistan fließt, verlassen wir den Karakorum Highway und folgen dem Indus talaufwärts in Richtung Skardu. Skardu hat einen Flughafen und viele Expeditionen zum K2, dem zweithöchsten Berg der Erde und dem höchsten Berg in Pakistan, nehmen hier ihren Anfang. Wir hoffen etwas von dieser Expeditionsatmosphäre schnuppern zu können.

Die Berghänge im Tal fallen steil in den Indus ab und unten tosen die braunen Wassermassen talwärts. Die Berghänge sind zerlöchert wie ein Schweizer Käse und während einer Rast schauen wir mit den Ferngläsern die Löcher genauer an. Es scheint sich um Minen zu handeln und ab und zu hören wir auch Explosionen von Sprengungen. An der Straße ist eine kleine Miene oder vielleicht auch nur eine Probebohrung. Hier suchen wir, vom Goldfieber gepackt, nach Edelsteinen. Annette findet einen schönen schwarzen Turmalin, den wir mitnehmen.
Ein Stück weiter treffen wir auf eine Gruppe, die gerade Material auf die andere Flussseite transportiert, dort liegen die meisten Mienen und es führen keine Brücken über den Indus. Daher haben sich die Menschen Seilbahnen gebaut, mit denen sie Nahrungsmittel, Tiere und Material hinüberschaffen.
Wir machen Fotos, als gerade eine Ziege über den Indus transportiert wird und beiläufig frage ich, ob in den Säcken Reis sei. Nein, da sei Sprengstoff drin, den sie für die Minen benötigen. Ganz locker wird dieser im Sammeltaxi auf dem Dach und dann mit der Seilbahn über den Fluss transportiert. Einige Zeit später in Indien lesen wir, dass dort 3 Wohnhäuser und zwei Restaurants in die Luft geflogen sind, nachdem Sprengstoff für die Minen in Radschastan, der in einem Wohnhaus gelagert war, explodiert ist. Über 100 Menschen sind dabei gestorben.
Zum Abschied bekommen wir von den Bergleuten noch einen Aquamarin und einen Topas geschenkt.
Am Nachmittag erreichen wir Skardu, leider regnet es. Oder Gott sei Dank, denn am nächsten Tag scheint wieder die Sonne und die Stadt ist staubig und dreckig. Der Verkehr ist ein Chaos, wir gehen zu Fuß die Hauptstraße entlang und am Polo- und Fußballstadion, findet gerade ein Spiel statt. Die Leute stehen auf der Straße und schauen sich das Match an. Autos hupen wie wild durcheinander. Wir finden einen Edelsteinladen, der auch schleift, allerdings will er das 5-fache von dem was wir in Karimabad bezahlt haben, so suchen wir weiter und finden einen anderen Laden. Ein Mann will uns zur Schleiferei bringen, aber wir landen bei ihm zu Hause. Bei Tee und Gebäck erklärt er und, dass er mehrere Minen hat und den neuen Stein „K2 azurite“ abbaut, den es nur hier im Gebiet des K2 gibt. Allerdings sei es für ihn sehr schwer ihn nach Europa oder USA zu verkaufen. Er gibt uns ein ganzes Paket „Muster“ von geschliffenen und ungeschliffenen Steinen mit, mit dem Hinweis ein Geschäft in Deutschland zu gründen und Edelsteine zu verkaufen. Wir versprechen ihm nichts.
Von Skardu aus machen wir einen Ausflug in das Shigar Valley und besuchen den Jarbaso (The Blind Lake) und die Dünen, wo wir ein bisschen Off Road fahren.
Am Abend treffen wir auf eine große Gruppe von Off Road Fahrern, sie gehören alle zum Jeep Club Muzzafarabad und machen ihren jährlichen Ausflug. Ich werde sogleich interviewt, mit richtiger Kamera und Moderator. Der Club ist gut organisiert und wird von OLX Pakistan gesponsort. Am nächsten Morgen werden wir abgeholt zu ihrem Hotel und dort zeigen wir den Clubmitgliedern unseren Geländewagen und wieder werden zahlreiche Fotos und Videos gemacht. Danach brechen wir zu den Deosai Plains auf, der zweithöchste Hochebene der Erde, nach der Tibetischen Hochebene.
Hier soll es auch noch wilde Bären, den Schneeleoparden, Füchse und Wölfe geben, die Ebene liegt durchschnittlich auf 4.114 m. Auf unserer Landkarte ist ein Camp eingezeichnet, das wir anfahren möchten, leider ist dort gar nichts und so schlagen wir unser Zelt neben einem kleinen See, der von Gletschern gespeist wird, auf. Die Nacht ist sehr schwarz und total ruhig, leider spüren wir die Höhe etwas, denn der See liegt auf 4.700 m. Wir beschließen ein kleines Stück zurück zu fahren und dann dem Haupttrack auf der Deosai Hochebene zu folgen, außerdem endet für uns auf dieser Strecke sowieso bald die Weiterfahrt, denn es beginnt das umstrittene Kaschmirgebiet und dieses ist für Ausländer gesperrt. Nach nur wenigen Kilometern auf dem Haupttrack, kommt ein eingerichtetes Camp, wir halten kurz an und checken dies auf unserer Landkarte. „Ein Overlander“, ruft Annette plötzlich und aus der entgegengesetzten Richtung nähert sich ein weißer Toyota mit Kisten und Ersatzrad auf dem Dach. Als das Fahrzeug näher kommt, erkennen wir auch das deutsche Kennzeichen. Wir winken und der Toyota hält an, ein zierliche Frau steigt aus und fragt: „Seid ihr My Beast oder so?“
„Ja, sind wir“, Sven, ein Overlander in Indien hätte ihr mitgeteilt, dass wir ihr entgegenkommen. Martina ist alleine mit ihrem Hund Perla unterwegs. Ihre Reise dauert bereits 14 Jahre, angefangen hat sie als Backpacker in Südamerika, wo sie sich dann zwei Pferde zugelegt hat und auf diesen den Kontinent erkundet hat. Später ist sie auf ein Motorrad und dann auf den Toyota umgestiegen. Wir trinken zusammen einen Kaffee und plaudern über alles Mögliche, danach beschließen wir hier zusammen eine Nacht zu verbringen. Sie kommt aus Indien und ist auf der Fahrt durch Pakistan in den Iran. Sie hat 8 Monate in Indien zugebracht und gibt uns viele Tipps für Sightseeing, die Verkehrsregeln und die Indern.
Nach dem Frühstück verabschieden wir uns am nächsten Morgen, ihr Weg führt nach Westen und das Beast goes East. Ein kurzes Stück später treffen wir auf das Camp des Jeep Clubs Muzzafarabad und dort bleiben wir auch wieder für die nächste Nacht stehen. Sie haben ein richtiges Basislager mit Küchenzelt und Toilette. Es wird Brot gebacken, Hühner und Schafe geschlachtet, Tee gekocht, Fleisch gegrillt und Dal (Linsen) zubereitet. Wir treffen hier auch die pakistanische Bergsteigerlegende Hassan Sadpara, der einige 8.000er bestiegen hat. Bald nach dem Abendessen verschwinden wir im Dachzelt im Schlafsack, denn es wird unangenehm frisch. Am Morgen ist das Mineralwasser gefroren, aber die Sonne scheint und wir genießen das Frühstück mit den ersten Sonnenstrahlen. Wir fahren weiter in Richtung Sheosar Lake und Rama Lake, die Mitglieder vom Jeep Club fahren auch in diese Richtung, aber einige ihrer Farhrzeuge haben Startprobleme und benötigen Hilfe.

Nachdem wir den Sheosar Lake passiert haben erreichen wir einen Pass und verlassen die Deosai Plains hinunter in Richtung Astore. Auf der Fahrt bergab kommt uns ein Motorrad entgegen, auf dem ein hellhäutiger Mann mit Mütze sitzt. Wir schauen, stutzen und machen langsam, auch das Motorrad wird langsamer und dann erkennen wir Helmut. Er kommt aus Österreich und ist eigentlich per Fahrrad unterwegs, wir hatten ihn bereits in Osh im TES Guesthouse getroffen. Sein Rad hat er in Gilgit stehen lassen und sich das Motorrad ausgeliehen. Er ist auf dem Weg nach Tarishing, von wo aus man den Nanga Parbat sehen soll. Er kommt vom Rama Lake, wo er übernachtet hat und auch Martina hatte eine Nacht am Rama Lake zugebracht.
Nach einer Nacht am Rama Lake beschließen auch wir nach Tarishing zu fahren und treffen dort im Guesthouse, wo wir im Garten das Zelt aufschlagen, wieder Helmut. Im Garten trinken wir zuerst zusammen Tee und essen später dort zu Abend. Es ist sehr wolkig und der Nanga Parbat will sich offensichtlich nicht nackt zeigen. Helmut ist an diesem Tag zum Herrligkoffer Basecamp gegangen, aber auch dort hatte er die Rupalseite des Nanga Parbat nur in Wolken gesehen. Zumindest sehen wir den Raikot mit 7.070 m auch ein stolzer Berg und dahinter sehen wir die Kontur des East Peak des Nanga Parbat, dieser ist allerdings nur 7.530 m hoch.
Wir wollen unser Glück später noch mal im Indus Valley oder auf Fairy Meadows versuchen, um den Naga Parbat in seiner vollen Pracht zu sehen.

In Gilgit verbringen wir eine Nacht im Hotel Serena, dort treffen wir Zia, einen ehemaligen Offizier der pakistanischen Armee, mit dem wir ein interessantes Gespräch über Pakistan, Kaschmir und Indien führen. Er hatte uns angesprochen, da er bereits Bilder von unserem Auto im Internet gesehen hatte. Immer wieder sind wir überrascht wie schnell die Bilder vom Beast die Runde machen.
Von Gilgit aus fahren wir wieder auf dem Karakorum Highway talwärts, hier treffen wir drei italienische Geländewagen, die auch auf dem Weg nach Indien sind. Kurze Zeit später erreichen wir den Punkt, wo die drei großen Gebirge Hindukusch, Karakorum und Himalaya aufeinander treffen.
Das Wetter ist absolut genial, keine einzige Wolke ist am Himmel zu sehen und wir können den Nanga Parbat in seiner ganzen Größe sehen. Wir haben so viele Bücher, Bergsteigergeschichten, Legenden und Tragödien über diesen Berg gelesen und nun stehen wir vor ihm. Das Gefühl ist unbeschreiblich.

In Chilas suchen wir eine Übernachtungsmöglichkeit, aber man versucht uns einen Polizeischutz zur Seite zu stellen und daher beschließen wir weiter über den Barbusar Pass (4.170 m) nach Naran zu fahren. Dieser Anstieg ist für das Beast ein echter Härtetest, auf nur wenigen Kilometern steigt die Straße über 3.000 Höhenmeter, die Temperatur steigt verdächtig stark an und wir verlangsamen unsere Fahrt. Kurz vor der Passhöhe treffen wir wieder auf einen weißen Toyota Geländewagen. Wir geben Lichthupe und halten an, wir können es kaum glauben, es sind Emiel und Claire, ein niederländisch-australisches Paar, mit denen wir Ende Oktober/Anfang November Myanmar durchqueren werden.
Über Murree, wo wir wilde Affen entlang der Straße sehen, führt uns der weitere Weg nach Islamabad und Rawalpindi. In Rawalpindi suchen wir die Werkstätten der Truck Art Künstler und nach einigem Suchen werden wir auch fündig. In einem Hinterhof ist die Werkstatt von Al-Habib Ejaz, wir fragen ihn, ob er uns auf eine der hinteren Seitenscheiben, die wir durch Aluplatten ersetzt haben, ein pakistanisches Truckart Bild malen kann. Während die zwei Künstler sich ans Werk machen, das einen halben Tag in Anspruch nimmt, werden wir mit Gebäck und Tee versorgt. Wir sind die Attraktion, das halbe Viertel kommt und umringt uns. Der Rektor der Schule von nebenan lädt uns auf einen kühlen Schluck ein und am Nachmittag werden wir von ihm mit Essen versorgt.
Die letzte Station in Pakistan ist Lahore, hier haben wir einige Einladungen, die wir aber leider nicht alle annehmen können und so beschließen wir bei Mujahid und seiner Familie zwei Tage zu bleiben.
Die Fahrt zu seinem Haus führt durch enge Gassen, die voller Menschen sind. Die Einfahrt ist eng und das Eisentor hat einen Querträger, wir müssen die Luft aus den Reifen lassen, dass wir hinter dem Tor parken können. Mujahid zeigt uns seine Fabrik, in der in Handarbeit Herrenschuhe aus Leder hergestellt werden. Ich bekomme zwei Paar Schuhe von ihm geschenkt. Seine beiden Söhne sind sehr wissbegierig und fragen uns alles Mögliche, seine Frau Yasmina verwöhnt uns mit pakistanischen Leckereien.
Nach fast einem Monat verlassen wir Pakistan über die Wagah Border nach Indien. Zu Beginn unserer Reise stand für Annette fest, niemals durch dieses Land zu fahren, aber wir haben hier so viele nette Menschen getroffen, grandiose Landschaften gesehen, dass wir eines Tages nach Pakistan zurückkehren werden.

Ein Pakistani hatte uns während unseres Aufenthalts hier gesagt:
„Not all Pakistanis are terrorists.“

Zeitung

Mit Yak und Pack durch den Pamir

Wer oder was ist Tadschikistan? So stand es in einem Prospekt von Globetrotter und auch unsere Erfahrung zeigt, dass wir in fragende Gesichter schauen, wenn uns jemand fragt wo wir gerade seien und wir antworten in Tadschikistan.

Zu Beginn unserer Reise stand weder Kirgistan noch Tadschikistan auf dem Plan und als wir in Kirgistan eintrafen, planten wir noch keinen Trip über den Pamir.

In TES´Guesthouse trafen wir wieder einmal mit Emma und Andy zusammen und feierten dort gemeinsam Annettes Geburtstag. Die beiden Engländer überzeugten uns, mit Ihnen gemeinsam den Pamir Highway zu befahren und Oibek von Muztoo, einem schweizer Reisebüro in Osh besorgte für uns die Tadschikistan Visa, samt Pamir Permit in drei Tagen in der Hauptstadt Bischkek. In den drei Tagen, an denen wir warten mussten, trafen im Guesthouse einige Overlander und Motorradfahrer ein und wir hatten eine gute Zeit. Aber wir trafen auch schon einige Vorbereitungen, so baute Andy auch eine Dusche an seinen Toyota und wir füllten sämtliche Wasser- und Dieseltanks. Annette und Emma kauften Lebensmittel und Getränke ein, denn auf dem Pamir ist man auf sich alleine gestellt und es gibt nur wenige Orte wo man sich versorgen kann, meist auch nur privat.

Am Samstag nach Annettes Geburtstag brechen wir nach dem Frühstück in der Frühe auf. Das Beast ist vollgeladen, alle Tanks und der Kühlschrank sind gefüllt, Lebensmittel hängen überall in Tüten und Behältern herum. Ich fühle mich ein bisschen wie bei „Das Boot“, als sie sich auf Feindfahrt begeben und aus dem Hafen auslaufen. Jetzt wollte ich gerne mal wissen, wieviel Kilogramm wir auf die Waage bringen, schätzungsweise knappe 4 Tonnen.

Der erste Teil der M41 auf kirgisischer Seite ist noch gut ausgebaut und wir kommen flott voran. Wir passieren schon einige Pässe mit über dreitausend Metern Höhe und dann kommt der Kyzyl-Art-Pass mit 4280 m Höhe, auf diesem Pass befindet sich die kirgisisch-tadschikische Grenze und einer der Grenzbeamten empfängt uns mit den Worten:“ Welcome to the highest custom post in the world“.

Die Grenzabwicklung ist relativ problemlos, wir verhandeln natürlich wieder die Preise für diverse Zolldienstleistungen und bezahlen an den tadschikischen Zoll 25 US$ Zollabfertigungsgebühr, 10 US$ an die Transportabteilung und 70 Som an den Kollegen vom Veterinäramt. Ibrahim, ein tadschikischer Zöllner  will unbedingt das Beast kaufen und fragt uns aus, wir geben ihm eine Visitenkarte und teilen ihm mit, dass er uns eine E-Mail mit seinen Daten senden soll und wir uns dann bei ihm melden, wenn wir das Auto verkaufen. Er verrät uns dann, dass wir bereits alles bezahlt hätten und auf keinen Fall bei der Ausreise noch etwas bezahlen sollen.

Am ersten Tag fahren wir noch bis zum Lake Karakul und schlagen dort unsere Dachzelte auf. Dieser See ist durch einen Meteoriteneinschlag vor über 5 Millionen Jahren entstanden und hat keinen Abfluss, das Wasser salzhaltig und es gibt kaum Fische darin. Der See liegt auf ca. 4.000 m Höhe und somit höher als der Titicacasee, der als der höchstgelegene See der Welt gilt. Die Nacht ist kalt und wir spüren die Höhe. Stechen in der Brust, Kurzatmigkeit, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit sind Anzeichen dafür.

Nach dem Frühstück geht es weiter in Richtung Murghab, wir befinden uns bereits in der autonomen Provinz Berg Badachschan, die man nur mit der sogenannten Pamir Permit befahren darf. Kurz vor Murghab müssen wir bereits den höchsten Pass des Pamir Highways, den Ak-Baital-Pass mit 4.655 m  überwinden. Die Fahrzeuge qualmen extrem schwarz, doch wir kommen gut den Berg hinauf, kurz vor der Passhöhe qualmt Andys Toyota aber plötzlich heftig weiß und wir glauben schon an ein Motorproblem, er meldet uns auch, dass in seinem Display „Check Engine“ angezeigt wird. Er bleibt aber cool und meint, dass das mit sinkender Höhe sicherlich wieder verschwinden wird, was dann auch tatsächlich so war. Murghab ist einer der Hauptorte im Pamir und es leben ca. 7.000 Menschen in dieser Stadt, in der Tourist-Info kaufen wir für einen Dollar ein Brot, was für diese Region sehr teuer ist. Am Ortsrand wird unsere Permit kontrolliert und wir biegen in ein Seitental ab. Die Strecke ist längst nicht mehr asphaltiert und wir fahren Off Road weiter bis wir einen schönen Stellplatz für die Nacht finden. Bei der Ankunft können wir an den Berghängen Tierpfade im Schnee sehen und erkennen dort kurz darauf auch die seltenen Marco Polo Schafe, die sich für die Nacht wieder in die Berge zurückziehen. Die zweite Nacht verbringen wir auf 4.200 m und wir schlafen schlecht.

Auch die Fahrzeuge spüren die Höhe, am Morgen gleich nach dem Starten des Motors ist die Leistung gleich Null, die beiden Geländewagen bewegen sich nicht vom Fleck, nach ca. 5 Minuten ändert sich das aber glücklicherweise wieder und wir können normal fahren, an den schwarzen Qualm haben wir uns bereits gewöhnt. Annette wechselt noch ihren BH und trägt nun ausschließlich ihren Lauf-BH von TriAction, das Gehoppel auf den schlechten Pfaden geht ihr auf die „Eier“.

Wir fahren durch wunderschöne Natur, durchqueren einen Fluss und kehren noch einmal nach Murghab zurück. Jetzt wechseln wir Geld, leider haben beide Banken geschlossen, aber irgendjemand schickt uns zum Pamir Hotel, dort können wir Geld wechseln und auch frisches Brot einkaufen. Der Manager spricht sogar deutsch. Jetzt wollen wir nur noch tanken, was sich als noch schwieriger herausstellt. Keine der Tankstellen hat Diesel und auf dem LKW Parkplatz bietet man uns den Diesel zum doppelten Preis an. Nach langem Hin und Her zeigt uns einer einen Hinterhof, wo man Diesel bekommen soll. Wir kaufen den kompletten Vorrat von 68 Litern auf und füllen unsere Tanks und Reservekanister damit auf. Bis Khorog kommt keine Tankstelle mehr.

Wir beschließen einen Schlafplatz unterhalb 4.000 m zu suchen und übernachten auf 3.900 m. Wir schlafen tatsächlich besser. Auf der M41, dem Pamir Highway fahren wir bis kurz nach Alichor und biegen dort nach einer Flussbrücke wieder auf einem Track in ein Seitental ab und folgen dem Fluss. Unterwegs machen wir Halt an einem Geysir und einer heißen Quelle, wo wir auch picknicken. An einem kleinen See namens Bulukul bleiben wir für heute stehen, hier ist es wunderschön und auch nur 3.750 m hoch. Emma packt noch ihre Angel aus und fängt 2 kleine Fische.

Am Abend kommt ein Sturm auf und wir fixieren mit allem was wir haben unser Dachzelt, glücklicherweise hört gegen Mitternacht der Wind auf und wir schlafen gut.

Kurz nach der Weiterfahrt kommen wir wieder auf die M41 und fahren ein kurzes Stück zurück, bis wieder eine nichtasphaltierte Straße nach Süden abzweigt. Dieser folgen wir, passieren einen tadschikischen Grenzposten und erreichen dann den Pamir River, auf der anderen Seite sehen wir Afghanistan.

Es beschleicht uns ein seltsames Gefühl, denn über dieses Land haben wir noch nie etwas Gutes gehört. Wir fahren dem Fluss Pamir entlang bis Langar, wo sich der Pamir mit dem Wakhan River zum Panj vereint.

Dieser Teil Afghanistans heißt Wakhan Korridor und wurde Ende des 19. Jahrhunderts während des Great Game, als Pufferzone zwischen dem Russischen Reich und dem British Empire installiert. Hinter dem Wakhan Valley erheben sich die Berge des Hindukusch. In unserem Reiseführer lesen wir, dass das so viel wie „Killer der Hindus“ bedeuten soll. Vielleicht war das ein natürliches Hindernis für die Verbreitung des Hinduismus von Süden her.

Tadschikistan ist das ärmste Land Zentralasiens und eines der ärmsten Länder der Welt, die Hälfte der Wirtschaftskraft stammt aus Geld, das emigrierte Tadschiken nach Hause schicken.
Das Jahreseinkommen soll durchschnittlich pro Kopf bei ca. 200 US$ liegen. Daher floriert im Nachbarland Afghanistans, dem weltgrößten Opiumproduzenten, der Drogenhandel auf der „neuen Seidenstraße“. Der „Business Insider“ hat die 19 teuersten Substanzen der Welt veröffentlicht und laut dieser Studie liegen die Drogen Heroin, Crystal Meth, Kokain und LSD vor Gold und Platin, von den natürlich vorkommenden Stoffen liegen nur Diamanten und andere Edelsteine vor den Drogen.

In Zugvand, einem kleinen Ort am Panj River suchen wir Brot, nach einigem Fragen können wir privat Brot bekommen. Die gute Frau will uns das Brot schenken, doch nach einigem Bitten nimmt sich doch das Geld an. Wir sind immer wieder erstaunt, dass uns gerade die Menschen, die so wenig haben, uns einladen oder etwas schenken möchten.
Am nächsten Morgen möchten wir zur alten Festung Abrashim (Vishim) Qala, einem Fort zum Schutze der Seidenstraße und zum Schutz vor afghanischen und chinesischen Eindringlingen fahren. In Zong fragen wir nach dem Weg, aber eine Frau gibt uns zu verstehen, dass wir auch mit Geländewagen nicht dahin fahren können. Sie bietet uns an, dass ihre Tochter mit uns zu Fuß hinaufgeht, aber für eine Wanderung sind wir heute nicht aufgelegt. Als wir das Angebot ablehnen lädt sie uns auf eine Tasse Tee in ihr Haus ein. Ihr Sohn sucht für uns einen englischen TV-Sender und währenddessen macht Schobegin, so lautet ihr Name, Tee für uns. Das Haus ist nach islamischen Regeln gebaut und gemütlich eingerichtet, außer Tee reicht sie uns noch Brot, Milch, Butter, Yogurt, Melonen, Nüsse und Süssigkeiten. Wir stellen uns vor und als sie hört, dass wir aus Deutschland sind überrascht sie uns mit einigen deutschen Wörtern, wie Mann, Frau, Bruder, Schwester, Haus, … wo sie das gelernt hat verstehen wir leider nicht.

Auf der anderen Flussseite liegt Qala-e Panja, die Ruine einer afghanischen Zitadelle, man kann sie von Zong aus gut sehen, denn der Fluss ist hier nicht so breit.

Das Flusstal ist beeindruckend, die Berge sind karg, kahl und unwirtlich, am Fluss hingegen ist es grün und fruchtbar, wie in einer Oase. Der Fluss ist nicht begradigt oder kanalisiert, das Wasser sucht sich selbst den Weg und wechselt oft die Talseite, es bilden sich Inseln und Nebenarme, die sich später wieder vereinen, so stelle ich mir auch das Rheintal, vor hunderten von Jahren vor. Die Gegend hier ist wunderschön.

Am Nachmittag besuchen wir bei Vrang eine alte buddhistische Stupa, ein Junge von 14 Jahren zeigt uns den Weg, er spricht englisch und sein Freund spricht 5 Sprachen (Tadschik, Wakha, Russisch, Farsi/Afghan und Englisch).
Als wir wieder beim Auto sind, bieten uns die Beiden Rubine zum Kauf an. Tatsächlich gibt es in Tadschikistan Edelsteinminen, die auch schon Marco Polo in seinen Berichten erwähnte. Nach Begutachtung der „Ware“ entscheiden sich Andy und ich zum Kauf von jeweils 6 Rubinen. Jeder von uns zahlt umgerechnet dafür etwa 4 Euro. Zudem glauben wir, dass ein Einstieg in das Edelsteingeschäft gesünder ist als der Einstieg in das Opiumgeschäft.

Über uns ragen die Gipfel von Pik Engels und Pik Marx empor, wir fahren an diesem Tag aber noch weiter bis Yamchun und campen in der Nähe der Bibi Fatima Hot Spring, die mit Hilfe der Aga Khan Stiftung erneuert wird.

Am Abend besuchen Annette und ich die heiße Quelle und nach unserer Rückkehr trinken wir  noch zusammen Gin, über dem Hindukusch geht der Vollmond auf, die Stimmung wird plötzlich sentimental und eine seltsame Ergriffenheit kommt über uns.

Am Morgen besuchen wir noch das Fort Yamchun und fahren dann weiter nach Ishkashim, dort soll morgen auf der afghanischen Seite der wöchentliche Markt stattfinden, den man ohne Visum besuchen kann. In Hanis Guesthouse treffen wir Maurizio an, den wir bereits in Teheran und Bukhara getroffen haben, er ruft uns zu, dass er still alive und gesund aus Kabul zurückgekehrt ist, allerdings denken wir, dass er so einige lokale Spezialitäten konsumiert hat, die bei uns unter das Betäubungsmittelgesetz fallen würden.
Am nächsten Morgen teilt uns Hani, der Eigentümer des Guesthouses mit, dass der Markt aus Sicherheitsgründen leider schon wieder abgesagt worden ist. Laut seiner Aussage gab es am Vorabend auf der anderen Flussseite einige Schusswechsel und heute sei auch noch amerikanischer Nationalfeiertag, der 04. Juli. Der Markt ist zum zweiten Mal in Folge ausgefallen und für die lokale Bevölkerung ist das eine große wirtschaftliche Einbuße.

Hani teilt uns auch noch mit, dass die Straße nach Khorog aufgrund von Erdrutschen unpassierbar sei. Er warte auf Gäste, die sich per Handy gemeldet hätten um ihm das mitzuteilen.

Wir beschließen trotzdem in Richtung Khorog zu fahren und im Falle, dass es nicht weiter geht biegen wir in ein Seitental ab und warten halt ab, bis die Straße wieder frei ist.

Aber wir haben Glück und können mit unseren Fahrzeugen die Stellen passieren und erreichen am Nachmittag die Pamir Lodge in Khorog, der Hauptstadt der autonomen Provinz Berg Badachschan. Hier leben über 20.000 Menschen und es gibt auch eine Universität. In der Lodge haben wir dann auch wieder einmal Internetzugang und wir nehmen Kontakt zur Heimat auf. Leider sind die Nachrichten  nicht so erfreulich und Annette bucht noch am gleichen Abend einen Heimflug in 3 Tagen von Osh in Kirgistan nach Basel.

Ihrer Mama geht es nicht gut, ist im Krankenhaus und es steht eine schwierige Operation an. Sie telefoniert noch mit ihr und verspricht in drei Tagen bei ihr zu sein, ihre Mutter verspricht ihr auch sich doch operieren zu lassen.

Am nächsten Morgen endet leider unsere gemeinsame Reise mit Around the world in 800 days. Gerne wären wir noch einige Tage mit ihnen weitergefahren, aber dies ist zum jetzigen Zeitpunkt unglücklicherweise nicht möglich. Nach dem letzten gemeinsamen Frühstück bauen wir unser Zelt ab währenddessen hat Emma für uns belegte Brote gerichtet und eingepackt, wir tauschen noch unsere Bilder und Videos aus und dann fahren wir los, auf der M41 in Richtung Murghab geht es wieder zurück. Der Highway ist schlechter als mancher Off Road Track, wir fahren ohne Pause, wir essen die Brote unterwegs während der Fahrt und am Abend erreichen wir den Lake Karakul, wo wir die Nacht verbringen. Früh am nächsten Morgen geht es weiter bis zur Grenze, natürlich sollen wir wieder bezahlen, aber wir bleiben stur und zahlen nichts. Diesmal kann keiner der Grenzer Englisch und wir werden laut auf Russisch angebrüllt. Als der erste merkt, dass er von uns nichts kriegt, lacht er und schüttelt mir die Hand, der letzte Posten will dann bei der Ausreise noch unser Auto desinfizieren, ich versuche ihm zu erklären, dass das bei der Einreise evtl. noch sinnvoll sein kann, aber nicht bei der Ausreise. Die 100 Som, die er haben will verweigern wir und lassen ihn in seinem Häuschen sitzen. Nach einer ¼ Stunde gibt er einem Schweizer, der des russischen mächtig ist, unsere Pässe und trägt ihm auf uns auszurichten, dass er die 100 Som für uns bezahlt und er uns nie wieder in Tadschikistan sehen will.

Am Nachmittag erreichen wir Osh und fahren wieder zu TES‘ Guesthouse, Annette packt ihre Sachen und am nächsten Morgen um 03.00 bringt sie ein Taxi zum Flughafen.

Leider muss auch ich 9 Tage später nach Deutschland zur Beerdigung von Annettes Mutter fliegen.

Wichtig für Annette war, dass sie noch rechtzeitig bei ihrer Mutter sein konnte. Selbst wenn man sich „in the middle of nowhere“ befindet, so ist man doch auch wieder schnell bei seinen Lieben zu Hause.

Nach einer gemeinsamen Woche in der Heimat, fliegen wir wieder zusammen zurück nach Osh in Kirgistan, in der Nähe zu Tadschikistan.

Das ist ein armes, aber wunderschönes Land, mit äußerst freundlichen und hilfsbereiten Menschen und auf jeden Fall eine Reise wert. Im Nachhinein sind wir sehr froh, mit Andy und Emma diese Reise gemacht zu haben, wir hätten wirklich etwas verpasst.

Frust in Armenien

Wir möchten in ein Land einreisen, in dem die Scharia gilt. Das ist sozusagen das Strafgesetzbuch Gottes und Unzucht soll beispielsweise mit 100 Schlägen bestraft werden. Wir haben die Visa für den Iran erhalten.

Am Abend gehen wir noch in Yerevan essen und dann ins Bett, denn am nächsten Tag wollen wir möglichst weit bis zur armenisch-iranischen Grenze kommen.

Doch am nächsten Morgen, nach ca. 70 km, es geht einen Pass hinauf, leuchtet die Kontrollleuchte „Check Engine“ auf. Wir halten an und lesen nach, was das sein könnte. Eine mögliche Ursache: Tempomat, Kühlmitteltemperaturanzeige oder Drehzahlmesser liefert keine Informationen oder die Kraftstoffzufuhr, bzw. der -filter. Ich mache die Motorhaube auf und prüfe alle Stecker, einmal aus- und wieder einstecken. Danach ist die Fehlermeldung weg. Wir entscheiden uns weiter zu fahren.

Unterwegs besuchen wir noch das Kloster Tatev und treffen dort zwei Overlander aus Brasilien. Raphael und Isabel haben noch Alexandra und Simon, zwei Schweizer, im Gepäck, die ebenfalls eine Weltreise machen. Wir unterhalten uns kurz und erfahren, dass sie auch nach Kapan und dann in den Iran wollen. In Kapan wollen sie noch zwei andere Overlander treffen. Wir fragen: „Emma und Andy?“ Sie bejahen verdutzt. Ja, unsere beiden englischen Freunde, die wir bereits auf Zypern und in Kappadokien getroffen haben, sind in Kapan und helfen dort Armen und Siranush ihren neuen Campingplatz zu promoten, auch wir wollten sie dort heute Abend noch treffen.

Siranush betreibt in Kapan eine Sprachschule und ihr Mann Armen macht gerade einen Campingplatz neu auf. Dort treffen wir zum dritten Mal auf unserer Reise Emma und Andy aus England. Später treffen noch die Brasilianer Raphael und Isabell mit den Schweizern Alexandra und Simon ein. Außerdem ist dort noch Jan, ein junger Mann aus der Slowakei, der auch Armen beim Ausbau des Platzes hilft und es kommt noch Oscar, ein Kanadier, der in Kapan in einer Goldmine arbeitet, und Marco, einen Portugiesen mitbringt, der über Couchsurfing bei Oscar übernachtet. So wird es ein lustiger, internationaler Abend, wo viel Reise-Know-How ausgetauscht wird. Für den nächsten Mittag wird noch ein gemeinsames Picknick vereinbart und dann wollen wir auch weiter fahren.

Am Abend machen wir noch auf einem schönen Plateau, vor einem Kriegsdenkmal Fotos von Andys Totoya Hilux, Raphaels Landrover und unserem Mercedes G und natürlich mit allen Leuten.

Am nächsten Morgen haben wir noch etwas Zeit bis zum Picknick und wir wollen auf der örtlichen Bank noch etwas Bargeld holen, denn im Iran ist aufgrund der Sanktionen Bargeld abheben, bzw. Kreditkartenzahlung unmöglich. Wir warten bis wir dran sind und Annette will schon mal die Pässe aus der Handtasche holen, da wird sie auf einmal kreidebleich. „Wo sind die Pässe?“

Wir durchsuchen nochmal die Handtasche und dann das Auto. Nichts! Die Pässe sind weg. Wir überlegen und rufen in Yerevan bei Mr. Hostel an. Ja, die Pässe sind dort. Einerseits fällt uns ein Stein vom Herzen, andererseits bedeutet das 400 km nach Yerevan und wieder zurück. Wir gehen zu Armen und Siranush und erzählen dort, dass wir wieder zurück müssen. Aber Siranush schnappt sofort ihr Handy und telefoniert herum, nach zwei Minuten sagt sie zu uns, „eure Pässe sind um 18 Uhr hier“. Es verkehren zwischen Kapan und Yerevan ständig Taxis und sie hat einem bekannten Taxifahrer den Auftrag gegeben, unsere Pässe mitzubringen, das Ganze wird uns so ca. 6 Euro kosten. Wir sind erleichtert, picknicken am Mittag und warten dass es 18 Uhr wird.

Doch in der Zwischenzeit droht weiteres Ungemach. Andy hat das Bild von den Fahrzeugen am Monument in Facebook gepostet und irgendwie hat das in Kapan sehr schnell die Runde gemacht und diverse Leute haben sich beim Bürgermeister beschwert. Dieser ruft dann auch bei Armen an und am Nachmittag treten Andy und Armen dort persönlich an und entschuldigen sich tausendmal und versprechen das Bild sofort im Internet zu löschen.

Kurz nach halb sieben fahren wir los Richtung Grenze, aber nach ca. 24 km bringt unser Beast keine Leistung mehr und die Lampe „Check Engine“ leuchtet wieder. Wir kehren um und übernachten bei Armen und Siranush.

Mercedes-Benz gibt es nur in Yerevan. Am Morgen lassen wir in Kapan von einer „freien Werkstatt“, die einen Computer haben, den Fehlerspeicher auslesen. „Turbo“ sagt der Meister, machen kann er aber nichts. Wir ziehen nochmal die Stecker vom Luftstrommengenmesser und starten das Beast. Es läuft ganz normal, wir sind aber besorgt, denn im Iran gibt es aufgrund der Sanktionen gar keinen Mercedes-Service. Also fahren wir doch zurück nach Yerevan, nicht um die Pässe zu holen, sondern um das Auto checken zu lassen. Bis nach Yerevan läuft die Maschine ganz normal, am nächsten Morgen checken die Spezialisten von Mercedes den Fehlerspeicher, können aber nichts feststellen. Artur, der After-Sales-Manager meint, wir sollten den Dieselfilter auf jeden Fall noch wechseln, denn der Diesel hier sei so miserabel, dass Daimler keine Dieselmodelle nach Armenien liefert.

Wir geben unser Einverständnis und warten, kurze Zeit später kommt Artur und meint, dass der Fehler gefunden wäre, beim letzten Service sei die Dichtung zwischen Luftzufuhr und Turbolader nicht richtig eingesetzt worden und dadurch habe der Turbo zusätzliche Luft gezogen mit der Folge, dass das Kraftstoff-Luft-Gemisch nicht mehr stimmt. Das ist vermutlich die Ursache und daher wird auch noch eine neue Dichtung eingesetzt, denn die alte hatte einen Riss und war stark deformiert. Nach ca. 3 Std. ist das Auto fertig und Artur meint wir sollen noch zwei Stunden in oder um Yerevan bleiben, falls es doch noch Probleme gibt.

Ach was, wir fahren auf die Schnellstraße und wieder geht es Richtung Iran, aber nach 20 km geht das Beast erneut in den Notlauf und wir kehren wieder um. Diesmal leuchtet noch die Kontrolllampe und im Fehlerspeicher sind drei Meldungen. Der Turbolader wird ausgebaut, das Rad ist defekt. Durch die falsch eingelegte Dichtung kam auch Schmutz und Staub in den Turbo, was dazu führte, dass nun der Ladedruck nicht mehr voll aufgebaut werden kann.

Aber nun kommt Artur mit einer neuen Hiobsbotschaft, es gibt keine Teile für einen Dieselmotor. Lieferzeit mindestens zwei Wochen. Es ist Freitagnachmittag, wir sollen über das Wochenende überlegen was wir machen wollen. Ich rufe in Deutschland bei meinem Schulkameraden Willi an, der bei Mercedes-Benz in Bad Säckingen das Lager verwaltet. Er hat alles da, ich kann es morgen abholen, und so buchen wir einen Flug von Yerevan über Wien nach Basel und am Samstag hole ich die Teile ab und fliege am Sonntag zurück nach Yerevan.

Annette bleibt das Wochenende in Armenien, Kim Kardeshian ist auch da, sie ist Armenierin und macht Öffentlichkeitsarbeit für die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Gedenken an den Genozid am armenischen Volk im Osmanischen Reich.

Ich lande in der Nacht auf Montag und bin gegen 5 Uhr morgens bei Mr. Hostel. Als ich ins Haus möchte, sehe ich zwei Typen an unserem Auto und ich bleibe stehen bis sie weg sind. Es ist nichts außergewöhnliches, dass die Leute unser Auto anschauen, nur dachte ich zuerst einer pinkelt vorne an die Stoßstange.

Bei Mr. Hostel frühstücken wir noch und wollen gegen 07.30 Uhr zu Mercedes losfahren, dass wir gleich zu Arbeitsbeginn da sind und unser Auto schnellstmöglich fertig wird.

Beim Herausgehen fällt mir unter unserem Auto etwas auf, ich schaue drunter und dort liegen unsere Gitter der Frontscheinwerfer. Ich gehe zur Front und bin entsetzt, beide Scheinwerfer fehlen und auch die Heckleuchten wurden beide abgeschraubt. Ich fluche laut und wünsche diesem Pack die Pest an den Hals. Ich bin wütend wie selten.

Diebstahl, so schreibt es die Scharia vor, soll mit Abtrennen der rechten Hand bestraft werden. Auf einmal finde ich dieses System gar nicht mehr so schlecht.

Wir fahren zu Mercedes und die Mitarbeiter dort sind enttäuscht und beschämt, dass das passiert ist. Aber laut Artur leider kein Einzelfall, in den letzten zwei Wochen wurden von ca. 10 Fahrzeugen die Scheinwerfer gestohlen. Diese haben sie zum Glück da, kosten aber mehr als 2000 Euro und einen weiteren Standtag in Yerevan. Die Couchgarnitur in der Warteecke und der Kaffeeautomat sind unser neues Wohnzimmer.

Am Abend wechseln wir über, in ein Hotel in der Nähe und erhalten dort per SMS noch die niederschmetternde Nachricht, dass unser kleiner, geliebter, griechischer Kater Erwin in Schopfheim von einem Auto überfahren wurde und tot ist.

Wir sind auf dem absoluten Tiefpunkt.

Am Abend des darauffolgenden Tages fahren wir zum dritten Mal von Yerevan los und sind kurz vor Mitternacht an der Grenze. Morgen wollen wir in den Iran einreisen, vor dem Grenzübertritt haben wir ein wenig Bammel, denn wir haben einiges gehört von iranischen Nummernschildern, Tankkarten für Diesel und anderem.

Aber der Spaß beginnt schon früher, der armenische Zoll stellt fest, dass wir mit unserem Auto einen Tag länger in Armenien waren, als bei der Einreise angegeben. Ja, das wissen wir, aber wir mussten 4 Tage ungeplant in der Werkstatt verbringen. Das interessiert hier aber keinen und wir sollen mitkommen. Ok, denken wir, jetzt müssen wir für den einen Tag noch Road Tax und Ecology Tax nachzahlen. Das waren für 15 Tage, ca. 50 Euro, vielleicht müssen wir jetzt nochmal 3,50 Euro nachzahlen.

Wir werden in ein Büro geführt, wo 2 Damen und ein Herr in Zivil sitzen und der Mann rechnet eine Weile auf einem großen Taschenrechner herum und zeigt mir dann das Display. „You have to pay this! – Dollar!“

Das Display zeigt 2100. Ich weiß gar nicht, ob ich lachen oder brüllen soll. Ich sage nur „no“ zu ihm und rechne ihm vor, was wir für 15 Tage bezahlt haben und was dann ein Tag kostet. Er erklärt mir nun, dass dies eine Strafe sei. Ich frage ihn, für was denn die Strafe sei. Dies sei ein neues Gesetz wird mir gesagt.

Ich weigere mich, die Strafe zu zahlen, deshalb wird eine Dame um die 50 hinzugezogen. Sie trägt eine Uniform mit zwei Sternen und spricht deutsch. Zu sagen hat sie hier nichts, sie fungiert nur als Dolmetscherin. Ich erkläre ihr nochmal, dass ich das nicht bezahlen werde, dass ich eine Aufstellung haben will, wie sich die Strafe berechnet, mit der gesetzlichen Grundlage, versehen mit Namen der Dienststelle, des Zollbeamten und Unterschrift mit Stempel. Ich werde das in Yerevan prüfen lassen.

Die Aufstellung wird gerade so auf einen Zettel geschrieben, wie das neue Gesetz heißt weiß keiner und unterschreiben will auch keiner.

Ich schlage vor, dass wir zum Chef gehen und so platzen wir in ein Meeting in seinem Büro. Dort sitzt er gemütlich mit 5 Freunden, alle in Zivil bei Früchten, Tee und Gebäck. Ihm wird kurz erklärt was ich möchte, daraufhin schmeißt er mir abfällig einen dicken Gesetzestext auf Russisch auf den Schreibtisch. Mir reicht es nun. Ich hole mein Handy heraus und tippe in den Taschenrechner 2100, das halte ich ihm dann dicht vor die Nase. Ich sage zu ihm, dass mir das nicht ausreicht, dass mir jemand ein Display hinhält und mir mitteilt, dass ich das zu zahlen hätte. Das müsste schon etwas fundierter sein. Außerdem möchte ich seinen Gesetzestext nicht lesen, sondern möchte die besagte Aufstellung mit Angabe des Gesetzes.

Einer seiner Freunde, der wohl englisch kann, übersetzt es ihm. Daraufhin gibt er ein paar Anweisungen und Lala, die Dolmetscherin sagt zu mir: „Kommen Sie“.

Wir sollen warten, am Nachmittag kommt der Zollinspektor.

In der Zwischenzeit habe ich Armen und Artur angerufen und sie gefragt, ob sie eine Idee hätten. Armen hat in Yerevan bei einer Hotline des Zolls angerufen und Artur ebenfalls mit einem Beamten vom Zollamt gesprochen und beide teilten mir mit, dass bei der Einreise mit einem Fahrzeug angegeben werden muss, wie lange das Fahrzeug in Armenien bleiben soll, danach muss es wieder ausgeführt werden. Wenn man dies in der angegeben Frist nicht tut, muss man 50% der VAT auf den Fahrzeugwert, der bei der Einreise angegeben wurde, als Strafe bezahlen, im Falle einer begründeten Überschreitung der Dauer wird auf eine Strafe verzichtet.

Mit diesen Informationen gehe ich wieder zu Lala. „Oh, das wissen wir hier nicht. Warum haben sie das nicht gleich gesagt, dass sie 4 Tage bei Mercedes zur Reparatur waren?“ Ich bitte Lala darum, das ihren Leuten mitzuteilen, langsam wird ihr das auch unangenehm und obwohl ich einige Male recht unfreundlich zu ihr war, fragt sie uns, ob wir mit ihr etwas zu Mittag essen. Wir nehmen an und vertragen uns wieder.

Am Nachmittag kommt sie zu uns und sagt, dass wir nun eine Erklärung abgeben müssen, warum wir zu lange in Armenien waren und dann einen Antrag stellen müssen, mit der Bitte die Strafe zu erlassen. Sie diktiert uns alles auf Deutsch und schreibt dann eine armenische Übersetzung. Dann wird noch kopiert, gestempelt, getackert und geheftet und wir müssen noch 20700 AMD (Dram) zahlen und dürfen dann aber, nach mehr als siebeneinhalb Stunden gegen 17.30 Uhr Armenien endlich und ohne Zahlung einer Strafe verlassen.

Wir hatten sehr unterschiedliche Begegnungen in Armenien und Dank Siranush, Armen, Artur und einigen anderen überwiegen unsere positiven Eindrücke.

An diesem Abend steht uns aber noch das bevor, wovor wir uns heute Morgen am meisten gefürchtet hatten. Der iranische Zoll.

An der ersten Schranke steige ich aus. Im Wachhäuschen sitzen 4 Soldaten in Uniform, alle adrett gekleidet und man empfängt mich mit einem freundlichen „Welcome in Iran“. Einer schaut kurz die Pässe an und fragt wo wir her sind, daraufhin schickt er uns in den „Salon“.

Dort werden unsere Pässe erfasst und wir befragt, ob wir Alkohol, Drogen, etc. mitführen würden, denn dies sei im Iran verboten. Danach geht es zum dritten Häuschen, wo das Carnet de Passage abgestempelt wird und dann können wir einreisen. Das ganze dauerte nur 1 Std. und 15 Minuten. Wir sind positiv erstaunt und suchen uns einen Stellplatz für die Nacht.

Wildes Campieren fällt glücklicherweise nicht in den Geltungsbereich der Scharia.