Armenien

Frust in Armenien

Wir möchten in ein Land einreisen, in dem die Scharia gilt. Das ist sozusagen das Strafgesetzbuch Gottes und Unzucht soll beispielsweise mit 100 Schlägen bestraft werden. Wir haben die Visa für den Iran erhalten.

Am Abend gehen wir noch in Yerevan essen und dann ins Bett, denn am nächsten Tag wollen wir möglichst weit bis zur armenisch-iranischen Grenze kommen.

Doch am nächsten Morgen, nach ca. 70 km, es geht einen Pass hinauf, leuchtet die Kontrollleuchte „Check Engine“ auf. Wir halten an und lesen nach, was das sein könnte. Eine mögliche Ursache: Tempomat, Kühlmitteltemperaturanzeige oder Drehzahlmesser liefert keine Informationen oder die Kraftstoffzufuhr, bzw. der -filter. Ich mache die Motorhaube auf und prüfe alle Stecker, einmal aus- und wieder einstecken. Danach ist die Fehlermeldung weg. Wir entscheiden uns weiter zu fahren.

Unterwegs besuchen wir noch das Kloster Tatev und treffen dort zwei Overlander aus Brasilien. Raphael und Isabel haben noch Alexandra und Simon, zwei Schweizer, im Gepäck, die ebenfalls eine Weltreise machen. Wir unterhalten uns kurz und erfahren, dass sie auch nach Kapan und dann in den Iran wollen. In Kapan wollen sie noch zwei andere Overlander treffen. Wir fragen: „Emma und Andy?“ Sie bejahen verdutzt. Ja, unsere beiden englischen Freunde, die wir bereits auf Zypern und in Kappadokien getroffen haben, sind in Kapan und helfen dort Armen und Siranush ihren neuen Campingplatz zu promoten, auch wir wollten sie dort heute Abend noch treffen.

Siranush betreibt in Kapan eine Sprachschule und ihr Mann Armen macht gerade einen Campingplatz neu auf. Dort treffen wir zum dritten Mal auf unserer Reise Emma und Andy aus England. Später treffen noch die Brasilianer Raphael und Isabell mit den Schweizern Alexandra und Simon ein. Außerdem ist dort noch Jan, ein junger Mann aus der Slowakei, der auch Armen beim Ausbau des Platzes hilft und es kommt noch Oscar, ein Kanadier, der in Kapan in einer Goldmine arbeitet, und Marco, einen Portugiesen mitbringt, der über Couchsurfing bei Oscar übernachtet. So wird es ein lustiger, internationaler Abend, wo viel Reise-Know-How ausgetauscht wird. Für den nächsten Mittag wird noch ein gemeinsames Picknick vereinbart und dann wollen wir auch weiter fahren.

Am Abend machen wir noch auf einem schönen Plateau, vor einem Kriegsdenkmal Fotos von Andys Totoya Hilux, Raphaels Landrover und unserem Mercedes G und natürlich mit allen Leuten.

Am nächsten Morgen haben wir noch etwas Zeit bis zum Picknick und wir wollen auf der örtlichen Bank noch etwas Bargeld holen, denn im Iran ist aufgrund der Sanktionen Bargeld abheben, bzw. Kreditkartenzahlung unmöglich. Wir warten bis wir dran sind und Annette will schon mal die Pässe aus der Handtasche holen, da wird sie auf einmal kreidebleich. „Wo sind die Pässe?“

Wir durchsuchen nochmal die Handtasche und dann das Auto. Nichts! Die Pässe sind weg. Wir überlegen und rufen in Yerevan bei Mr. Hostel an. Ja, die Pässe sind dort. Einerseits fällt uns ein Stein vom Herzen, andererseits bedeutet das 400 km nach Yerevan und wieder zurück. Wir gehen zu Armen und Siranush und erzählen dort, dass wir wieder zurück müssen. Aber Siranush schnappt sofort ihr Handy und telefoniert herum, nach zwei Minuten sagt sie zu uns, „eure Pässe sind um 18 Uhr hier“. Es verkehren zwischen Kapan und Yerevan ständig Taxis und sie hat einem bekannten Taxifahrer den Auftrag gegeben, unsere Pässe mitzubringen, das Ganze wird uns so ca. 6 Euro kosten. Wir sind erleichtert, picknicken am Mittag und warten dass es 18 Uhr wird.

Doch in der Zwischenzeit droht weiteres Ungemach. Andy hat das Bild von den Fahrzeugen am Monument in Facebook gepostet und irgendwie hat das in Kapan sehr schnell die Runde gemacht und diverse Leute haben sich beim Bürgermeister beschwert. Dieser ruft dann auch bei Armen an und am Nachmittag treten Andy und Armen dort persönlich an und entschuldigen sich tausendmal und versprechen das Bild sofort im Internet zu löschen.

Kurz nach halb sieben fahren wir los Richtung Grenze, aber nach ca. 24 km bringt unser Beast keine Leistung mehr und die Lampe „Check Engine“ leuchtet wieder. Wir kehren um und übernachten bei Armen und Siranush.

Mercedes-Benz gibt es nur in Yerevan. Am Morgen lassen wir in Kapan von einer „freien Werkstatt“, die einen Computer haben, den Fehlerspeicher auslesen. „Turbo“ sagt der Meister, machen kann er aber nichts. Wir ziehen nochmal die Stecker vom Luftstrommengenmesser und starten das Beast. Es läuft ganz normal, wir sind aber besorgt, denn im Iran gibt es aufgrund der Sanktionen gar keinen Mercedes-Service. Also fahren wir doch zurück nach Yerevan, nicht um die Pässe zu holen, sondern um das Auto checken zu lassen. Bis nach Yerevan läuft die Maschine ganz normal, am nächsten Morgen checken die Spezialisten von Mercedes den Fehlerspeicher, können aber nichts feststellen. Artur, der After-Sales-Manager meint, wir sollten den Dieselfilter auf jeden Fall noch wechseln, denn der Diesel hier sei so miserabel, dass Daimler keine Dieselmodelle nach Armenien liefert.

Wir geben unser Einverständnis und warten, kurze Zeit später kommt Artur und meint, dass der Fehler gefunden wäre, beim letzten Service sei die Dichtung zwischen Luftzufuhr und Turbolader nicht richtig eingesetzt worden und dadurch habe der Turbo zusätzliche Luft gezogen mit der Folge, dass das Kraftstoff-Luft-Gemisch nicht mehr stimmt. Das ist vermutlich die Ursache und daher wird auch noch eine neue Dichtung eingesetzt, denn die alte hatte einen Riss und war stark deformiert. Nach ca. 3 Std. ist das Auto fertig und Artur meint wir sollen noch zwei Stunden in oder um Yerevan bleiben, falls es doch noch Probleme gibt.

Ach was, wir fahren auf die Schnellstraße und wieder geht es Richtung Iran, aber nach 20 km geht das Beast erneut in den Notlauf und wir kehren wieder um. Diesmal leuchtet noch die Kontrolllampe und im Fehlerspeicher sind drei Meldungen. Der Turbolader wird ausgebaut, das Rad ist defekt. Durch die falsch eingelegte Dichtung kam auch Schmutz und Staub in den Turbo, was dazu führte, dass nun der Ladedruck nicht mehr voll aufgebaut werden kann.

Aber nun kommt Artur mit einer neuen Hiobsbotschaft, es gibt keine Teile für einen Dieselmotor. Lieferzeit mindestens zwei Wochen. Es ist Freitagnachmittag, wir sollen über das Wochenende überlegen was wir machen wollen. Ich rufe in Deutschland bei meinem Schulkameraden Willi an, der bei Mercedes-Benz in Bad Säckingen das Lager verwaltet. Er hat alles da, ich kann es morgen abholen, und so buchen wir einen Flug von Yerevan über Wien nach Basel und am Samstag hole ich die Teile ab und fliege am Sonntag zurück nach Yerevan.

Annette bleibt das Wochenende in Armenien, Kim Kardeshian ist auch da, sie ist Armenierin und macht Öffentlichkeitsarbeit für die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Gedenken an den Genozid am armenischen Volk im Osmanischen Reich.

Ich lande in der Nacht auf Montag und bin gegen 5 Uhr morgens bei Mr. Hostel. Als ich ins Haus möchte, sehe ich zwei Typen an unserem Auto und ich bleibe stehen bis sie weg sind. Es ist nichts außergewöhnliches, dass die Leute unser Auto anschauen, nur dachte ich zuerst einer pinkelt vorne an die Stoßstange.

Bei Mr. Hostel frühstücken wir noch und wollen gegen 07.30 Uhr zu Mercedes losfahren, dass wir gleich zu Arbeitsbeginn da sind und unser Auto schnellstmöglich fertig wird.

Beim Herausgehen fällt mir unter unserem Auto etwas auf, ich schaue drunter und dort liegen unsere Gitter der Frontscheinwerfer. Ich gehe zur Front und bin entsetzt, beide Scheinwerfer fehlen und auch die Heckleuchten wurden beide abgeschraubt. Ich fluche laut und wünsche diesem Pack die Pest an den Hals. Ich bin wütend wie selten.

Diebstahl, so schreibt es die Scharia vor, soll mit Abtrennen der rechten Hand bestraft werden. Auf einmal finde ich dieses System gar nicht mehr so schlecht.

Wir fahren zu Mercedes und die Mitarbeiter dort sind enttäuscht und beschämt, dass das passiert ist. Aber laut Artur leider kein Einzelfall, in den letzten zwei Wochen wurden von ca. 10 Fahrzeugen die Scheinwerfer gestohlen. Diese haben sie zum Glück da, kosten aber mehr als 2000 Euro und einen weiteren Standtag in Yerevan. Die Couchgarnitur in der Warteecke und der Kaffeeautomat sind unser neues Wohnzimmer.

Am Abend wechseln wir über, in ein Hotel in der Nähe und erhalten dort per SMS noch die niederschmetternde Nachricht, dass unser kleiner, geliebter, griechischer Kater Erwin in Schopfheim von einem Auto überfahren wurde und tot ist.

Wir sind auf dem absoluten Tiefpunkt.

Am Abend des darauffolgenden Tages fahren wir zum dritten Mal von Yerevan los und sind kurz vor Mitternacht an der Grenze. Morgen wollen wir in den Iran einreisen, vor dem Grenzübertritt haben wir ein wenig Bammel, denn wir haben einiges gehört von iranischen Nummernschildern, Tankkarten für Diesel und anderem.

Aber der Spaß beginnt schon früher, der armenische Zoll stellt fest, dass wir mit unserem Auto einen Tag länger in Armenien waren, als bei der Einreise angegeben. Ja, das wissen wir, aber wir mussten 4 Tage ungeplant in der Werkstatt verbringen. Das interessiert hier aber keinen und wir sollen mitkommen. Ok, denken wir, jetzt müssen wir für den einen Tag noch Road Tax und Ecology Tax nachzahlen. Das waren für 15 Tage, ca. 50 Euro, vielleicht müssen wir jetzt nochmal 3,50 Euro nachzahlen.

Wir werden in ein Büro geführt, wo 2 Damen und ein Herr in Zivil sitzen und der Mann rechnet eine Weile auf einem großen Taschenrechner herum und zeigt mir dann das Display. „You have to pay this! – Dollar!“

Das Display zeigt 2100. Ich weiß gar nicht, ob ich lachen oder brüllen soll. Ich sage nur „no“ zu ihm und rechne ihm vor, was wir für 15 Tage bezahlt haben und was dann ein Tag kostet. Er erklärt mir nun, dass dies eine Strafe sei. Ich frage ihn, für was denn die Strafe sei. Dies sei ein neues Gesetz wird mir gesagt.

Ich weigere mich, die Strafe zu zahlen, deshalb wird eine Dame um die 50 hinzugezogen. Sie trägt eine Uniform mit zwei Sternen und spricht deutsch. Zu sagen hat sie hier nichts, sie fungiert nur als Dolmetscherin. Ich erkläre ihr nochmal, dass ich das nicht bezahlen werde, dass ich eine Aufstellung haben will, wie sich die Strafe berechnet, mit der gesetzlichen Grundlage, versehen mit Namen der Dienststelle, des Zollbeamten und Unterschrift mit Stempel. Ich werde das in Yerevan prüfen lassen.

Die Aufstellung wird gerade so auf einen Zettel geschrieben, wie das neue Gesetz heißt weiß keiner und unterschreiben will auch keiner.

Ich schlage vor, dass wir zum Chef gehen und so platzen wir in ein Meeting in seinem Büro. Dort sitzt er gemütlich mit 5 Freunden, alle in Zivil bei Früchten, Tee und Gebäck. Ihm wird kurz erklärt was ich möchte, daraufhin schmeißt er mir abfällig einen dicken Gesetzestext auf Russisch auf den Schreibtisch. Mir reicht es nun. Ich hole mein Handy heraus und tippe in den Taschenrechner 2100, das halte ich ihm dann dicht vor die Nase. Ich sage zu ihm, dass mir das nicht ausreicht, dass mir jemand ein Display hinhält und mir mitteilt, dass ich das zu zahlen hätte. Das müsste schon etwas fundierter sein. Außerdem möchte ich seinen Gesetzestext nicht lesen, sondern möchte die besagte Aufstellung mit Angabe des Gesetzes.

Einer seiner Freunde, der wohl englisch kann, übersetzt es ihm. Daraufhin gibt er ein paar Anweisungen und Lala, die Dolmetscherin sagt zu mir: „Kommen Sie“.

Wir sollen warten, am Nachmittag kommt der Zollinspektor.

In der Zwischenzeit habe ich Armen und Artur angerufen und sie gefragt, ob sie eine Idee hätten. Armen hat in Yerevan bei einer Hotline des Zolls angerufen und Artur ebenfalls mit einem Beamten vom Zollamt gesprochen und beide teilten mir mit, dass bei der Einreise mit einem Fahrzeug angegeben werden muss, wie lange das Fahrzeug in Armenien bleiben soll, danach muss es wieder ausgeführt werden. Wenn man dies in der angegeben Frist nicht tut, muss man 50% der VAT auf den Fahrzeugwert, der bei der Einreise angegeben wurde, als Strafe bezahlen, im Falle einer begründeten Überschreitung der Dauer wird auf eine Strafe verzichtet.

Mit diesen Informationen gehe ich wieder zu Lala. „Oh, das wissen wir hier nicht. Warum haben sie das nicht gleich gesagt, dass sie 4 Tage bei Mercedes zur Reparatur waren?“ Ich bitte Lala darum, das ihren Leuten mitzuteilen, langsam wird ihr das auch unangenehm und obwohl ich einige Male recht unfreundlich zu ihr war, fragt sie uns, ob wir mit ihr etwas zu Mittag essen. Wir nehmen an und vertragen uns wieder.

Am Nachmittag kommt sie zu uns und sagt, dass wir nun eine Erklärung abgeben müssen, warum wir zu lange in Armenien waren und dann einen Antrag stellen müssen, mit der Bitte die Strafe zu erlassen. Sie diktiert uns alles auf Deutsch und schreibt dann eine armenische Übersetzung. Dann wird noch kopiert, gestempelt, getackert und geheftet und wir müssen noch 20700 AMD (Dram) zahlen und dürfen dann aber, nach mehr als siebeneinhalb Stunden gegen 17.30 Uhr Armenien endlich und ohne Zahlung einer Strafe verlassen.

Wir hatten sehr unterschiedliche Begegnungen in Armenien und Dank Siranush, Armen, Artur und einigen anderen überwiegen unsere positiven Eindrücke.

An diesem Abend steht uns aber noch das bevor, wovor wir uns heute Morgen am meisten gefürchtet hatten. Der iranische Zoll.

An der ersten Schranke steige ich aus. Im Wachhäuschen sitzen 4 Soldaten in Uniform, alle adrett gekleidet und man empfängt mich mit einem freundlichen „Welcome in Iran“. Einer schaut kurz die Pässe an und fragt wo wir her sind, daraufhin schickt er uns in den „Salon“.

Dort werden unsere Pässe erfasst und wir befragt, ob wir Alkohol, Drogen, etc. mitführen würden, denn dies sei im Iran verboten. Danach geht es zum dritten Häuschen, wo das Carnet de Passage abgestempelt wird und dann können wir einreisen. Das ganze dauerte nur 1 Std. und 15 Minuten. Wir sind positiv erstaunt und suchen uns einen Stellplatz für die Nacht.

Wildes Campieren fällt glücklicherweise nicht in den Geltungsbereich der Scharia.

Wir entdecken den Kaukasus

Die Iraner feiern ihr Neujahrsfest und das bedeutet für uns, dass es vorerst kein Visum gibt. Die türkische Schwarzmeerküste und die Stadt Trabzon, wo wir bereits eine Woche zugebracht haben, halten nicht so viel bereit, dass wir hier weiter warten wollen und so sagen wir „Gülle Gülle Türkiye“ und verlassen die Türkei nach mehr als drei Monaten in Richtung Georgien.

Wir fahren die Schwarzmeerküste entlang bis Sarp und reisen dort nach Georgien ein. Für die beiden ehemaligen GUS Staaten Armenien und Georgien benötigen EU-Bürger kein Visum und so reisen ziemlich unkompliziert und schnell nach Georgien ein. Zuerst tauschen wir etwas Geld (georgische Lari) und tanken voll, der Sprit kostet ca. 80 €-Cent je Liter, dann fahren wir weiter nach Batumi. Das ist die drittgrößte Stadt Georgiens und hat im Botanischen Garten einen Campingplatz, dieser liegt direkt am Strand, nur durch ein Bahngleis getrennt, dafür mit eigenem Bahnhof. Von hier aus kann man mit dem Zug in die Stadt fahren. Am Abend finden wir in Batumi eine nette kleine Brauerei mit Gaststätte, wo wir lecker essen. Es gibt Kebab, Khachapuri und Khinkali, das sind Teigschiffchen mit Käse und Ei, bzw. gefüllte Teigtaschen. Das Bier schmeckt auch sehr süffig und heißt „Golden Vlies“ oder „Argo“. In der griechischen Mythologie sollen Iason und seine Argonauten hier das goldene Vlies dem König Äetes geraubt haben.

Von einem goldenen Vlies ist heute in Batumi nichts mehr zu sehen, aber das wurde ja auch geraubt. Zwar versprechen die zahlreichen Casinos hier satte Gold- und Geldgewinne, aber ein Großteil des Stadtbildes lässt uns erahnen, wie es wohl in der Sowjetunion in den 60-Jahren ausgesehen haben muss. In der Nacht leuchtet aber die Küste von Batumi wie Las Vegas.

Da auch hier noch kein Badewetter herrscht verlassen wir die Küste des Schwarzen Meeres und steuern die Hauptstadt Tiflis an, wo wir im Old Town Hostel einchecken. Von hier aus erkunden wir die Altstadt, den Freiheitsplatz, die Friedensbrücke, die Rustaveli Avenue, die Synagoge und die Antschischati Kirche. Im historischen Bäderviertel gönnen wir uns noch ein privates Schwefelbad mit Schrubben und anschließender Massage. Der Masseur für die Männer ist etwas grobschlächtig und nach der Entspannungsmassage brauche ich zwei Tage lang Ibuprofen.

Hier hören wir auch, dass Deutschland in der EM-Qualifikation in Tiflis spielt und als wir am Stadion Eintrittskarten kaufen, entdecken wir direkt daneben das „State Silk Museum“. Für uns, die wir auf der Seidenstraße fahren, ist ein Besuch natürlich Pflicht. Das Gebäude ist alt und innen ziemlich heruntergekommen, eine nette junge Dame empfängt uns, kassiert den Eintritt und macht eine private Führung, wir sind die einzigen Besucher. Sie erklärt uns, dass es hier ab 1887 eine Produktionsstätte für Seide war, aber das Museum schon zu Produktionszeiten eröffnet wurde. Leider wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und in den darauffolgenden Bürgerkriegen alles zu Geld gemacht, was nicht niet- und nagelfest war. Es ist sehr interessant zu hören, wie die Raupen gezüchtet wurden und was aus der Seide alles hergestellt wurde.

Bis zum Anpfiff im Dynamo-Stadion am Sonntag sind es noch vier Tage und die nutzen wir, um über den großen Kaukasus zur russischen Grenze zu fahren. Hier verspricht der „Georgian Military Highway“ einiges an Abenteuer und so packen wir zusammen und fahren auf der Straße, die Russland mit Georgien verbindet in Richtung der russischen Stadt Vladikavkaz. Wir passieren das Skigebiet Gudauri und den Jvari Pass (2.395 m), ab dort geht es wieder abwärts in Richtung Kazbegi, dem heutigen Stepanzminda, aber es kommen nun die abenteuerlichsten Tunnels, die wir bisher gesehen haben. Alle sind unbeleuchtet und mit riesigen Schlaglöchern gesegnet, die Höhe beträgt 4,01 m und die LKW fahren nicht einmal Schritttempo. Die LKW werden einzeln hereingewinkt und durchgelotst, es ist Millimeterarbeit. Im grenznahen Ort Kanobi werden die LKW, die nach Russland wollen, abgefertigt und davor bildet sich eine LKW-Schlange, soweit das Auge reicht. Die Fahrer harren auf ca. 2.000 m, zum Teil in uralten russischen LKW´s die ganze Nacht aus und warten, bis sie an der Reihe sind. Wir übernachten in einem kleinen Ort namens Juta in einem Seitental auch auf ca. 2.000 m mit Blick auf den Berg Kazbeg (5.047 m), dies ist der dritthöchste Berg Georgiens und ein beliebtes Postkartenmotiv.

Zum Länderspiel sind wir wieder zurück in Tiflis und treffen nun auch auf einige deutsche Fußballfans. Im Envoy Hostel treffen wir Dirk aus Essen und seine Reisekumpel Lukas aus Brasilien. Dirk ist HSV Mitglied, aber auch zufällig in Tiflis, er reist jedes Jahr 3 Monate durch die Welt, dies hat er in seinem Arbeitsvertrag fest verankert. Mit beiden besuchen wir am Abend das Länderspiel und freuen uns über den 2:0 Sieg unserer Mannschaft.

Das Envoy Hostel liegt unterhalb der Festung Narikala und die Straße geht hier äußerst steil bergauf, der Belag ist Kopfsteinpflaster und bei Regen glatt wie Eis. Am Nachmittag kommen wir aus der Stadt und erklimmen den Weg zum Hostel, auf der Seite steht ein Auto halb auf der Treppe, halb auf der Straße. Wie sich herausstellt wollte der Fahrer hier hochfahren ist jedoch seitlich weggedriftet und auf die Treppe gerutscht und nun kommt er hier nicht mehr weg. Die zwei Fahrer sind völlig aus dem Häuschen und es sind bereits einige Zuschauer da. Einer fragt uns, ob wir ihm helfen können und ich parke unser Auto um und ziehe ihn mit der Seilwinde die Straße hinauf. Ein Mitarbeiter aus dem benachbarten Café, der das Ganze filmt meint zu dieser Bergungsaktion: „You must be Spiderman for them.“ Gerade als wir fertig sind kommt der offizielle DFB Fanclub die Straße hoch und ihr Kameramann filmt zumindest noch unser Auto.

Am nächsten Morgen verlassen wir Tiflis und Georgien wieder weiter nach Südosten in Richtung Armenien. Auch hier verläuft die Grenzabfertigung relativ problemlos, nur als wir den Zollhof verlassen wollen, muss noch einer die Papiere checken und fragt ständig nach einem Broker. Wir verstehen nicht, was er will und bleiben einfach mal stehen, dann wird er aber unfreundlich und zeigt uns an, dass wir zu einer Baracke gehen sollen und zwar davaj, davaj.

Dort sitzen die Broker, ein Zöllner und ein Kassierer und Geldwechsler. Einer kann auch englisch und sagt uns, dass wir eine Zollgebühr, Straßenmaut und Ökologieabgabe plus seine Kommission, alles in allem 50 Euro zu zahlen hätten. Die Prozedur dauert ca. 20 Minuten, dann schließen wir hinter dem Zollhof noch eine Kaskoversicherung ab. Diese soll für 10 Tage zuerst 25 US$ kosten, ich schreibe das auf und sage ihm, dass ich in die Nachbarbuden gehe und noch dort nachfrage, dann sagt er, ok für Deutsche kostet es nur 10 US$. Dann tauschen wir einen 10$-Schein gegen die Police und fahren in Richtung Sevan See.

Die Straßen hier sind noch schlechter, die Luft ist stickig und das Wetter schlecht. Wir erreichen die Stadt Sevan am späten Nachmittag. Hier sieht es so trostlos aus, dass wir weiterfahren, aber erstmal nur bis Tsaghkadzor. Ich bin zu müde, um nach Yerevan durchzufahren. Tsaghkadzor ist ein Skiresort und Olympiastützpunkt der Wintersportathleten von Armenien. Im Moment wirkt der Ort aber wie ausgestorben und wir mieten uns im Hotel Multi Rest House ein. Eine gute Adresse, es gibt Schwimmingpool, Fitness, SPA und Frühstück für ca. 35 €.

Interessehalber frage ich nach wie die Preise für ein Doppelzimmer über Weihnachten und Neujahr sind. Die nette Dame an der Rezeption erklärt mir, Standartzimmer für 14 Tag mit Frühstück, Pool, Fitness, Tennis, WiFi, Kidsclub, Parking und Transfer zur Seilbahn gibt es für 1.000 Euro. Das wäre doch mal eine Alternative zur Schweiz oder Österreich. Für die abendliche Unterhaltung ist hier auch gesorgt, es gibt zahlreiche Restaurants, Kasinos, Discotheken und Nightclubs.

In Yerevan suchen wir die iranische Botschaft und treffen dort am Eingangstor einen Mitarbeiter, wie sich herausstellt ist er für die Visaerteilung zuständig und freundlicherweise prüft er für uns den Status unserer Referenznummern. Leider sind diese noch nicht da und wir schreiben nochmal eine deutliche E-Mail an die Agentur, wo wir die Nummer beantragt haben.

In der Zwischenzeit machen wir nochmal einen dreitägigen Ausflug in das Umland von Yerevan und besichtigen den Mihr-Tempel bei Garni, die Klöster Geghard und Khor Virap und den Nationalpark Khosrov, sowie die antike Stadt Artashat und die Kathedrale von Etschmiadsin in der Stadt Vaghershapat.

In der ersten Nacht finden wir eine tollen Lagerplatz an einem Stausee und am Abend scheint für einen kurze Moment die Sonne in das Tal, die Berge erscheinen blutrot, es ist ein Gänsehautmoment. Ergriffen machen wir ein Lagerfeuer und braten Kartoffeln, Paprika und Zwiebeln, dazu gibt es Eier, Käse und Rotwein.

Die zweite Nacht verläuft anders, wir wollen in der Nähe des Nationalparks unser Zelt aufschlagen, aber ein unfreundlicher Ranger schickt uns weg, beim zweiten Versuch finden wir einen Platz. Am Abend kommen einige alte russische Militärjeeps daher. Mit dem ersten unterhalten wir uns mehr recht als schlecht. Wir wissen nicht was er will. Wir verstehen, dass er 8 Kinder hat und Kräuter sammeln muss, er war Soldat im Krieg und Dram (armenische Währung) und Dollar. Wir glauben, dass er uns anbettelt und reden irgendwas daher und fragen ihn, ob einen Cay möchte. Er versteht uns auch nicht, dann wir es dunkel und vom Berg kommen einige Leute herunter, alle mit Säcken beladen. Jetzt verstehen wir etwas mehr. Er wartet hier auf seine Familie, die hier Kräuter gesammelt haben und diese wollen sie gegen Dram verkaufen. Auch kommt ein kleiner, aufgeweckter Mann mit Hund und Stock herunter. Er redet mit allen Leuten und als alle weg sind steht er noch alleine da. Er lehnt an unserem Auto und fragt: “Maschine? Aleman?“ Wir versuchen eine Unterhaltung und er sagt: “Kaffee“, wir bieten einen an, aber er will uns einladen. Nachdem wir ihn fragen wie weit es bis zu seinem Haus ist, gehen wir mit ihm. Er wohnt alleine, hat 4 Hunde und heißt Warosch. Er macht Kaffee auf einem Heizgerät, die Lichter gehen für einen Moment aus, als er es einschaltet. Aus der Wand kommt eine abenteuerliche Kabelkombination, aber er hat Telefon, Strom, Kühlschrank, alles was man braucht. Nach dem Kaffee bietet er uns an bei ihm zu schlafen, wir geben aber zurück zum Auto. Er begleitet uns mit einem seiner Hunde und schenkt uns zwei Fladenbrote für das Frühstück.

Am Morgen packen wir zusammen und fahren gemütlich zurück nach Yerevan, wieder zu Mr. Hostel und in der Nacht auf Ostersonntag erhalten wir eine E-Mail mit der lang ersehnten Referenznummer. Am Sonntag schauen wir uns das Cafesjian Center For The Arts an und erwischen den Berg Ararat das erste Mal ohne Wolken.

Morgen gehen wir zum iranischen Konsulat und erreichen hoffentlich bald Land Nummer 15 unserer Reise.