Wüste, Staub und Diamanten

Regen prasselt auf unser Zelt, der elektrische Heizlüfter glüht und bläst kontinuierlich heiße Luft unter unseren Frühstückstisch. Wir schlürfen dampfenden Kaffee und beratschlagen uns, ob wir heute den Grenzübertritt nach Namibia wagen sollen. Es ist Freitag und wir wollen an der Grenze für einige Dinge, die wir in Südafrika gekauft haben die Steuer zurück, daher verlassen wir kurz vor Mittag Springbok in Richtung Namibia.

Der Übertritt ist problemlos, es gibt lediglich kurze Unsicherheiten, wie das Carnet gehandhabt werden soll. Botswana, Namibia und u. a. Südafrika haben sich zu einer Zollunion zusammengeschlossen und die Frage war nun, ob das Carnet in Südafrika oder erst, wenn wir die Zollunion verlassen, ausgestempelt werden soll. Am Ende erhielten wir einen Stempel und wir ließen das Carnet in Namibia wieder einstempeln. Aufgrund anderer Posts im Internet haben wir zu diesem Thema den ADAC befragt und diese Antwort erhalten:

„ … in der Regel ist die Zollunion wie die EU, d.h. Sie können ein- und ausreisen wie Sie möchten. Somit ist der Zöllner nicht verpflichtet, die Ein- und Ausreise von Südafrika nach Namibia zu stempeln. Allerdings sollten Sie bitte unbedingt beachten, dass Sie somit für eine „echte“ Ausreise aus der Zollunion nach Simbabwe oder Mosambik reisen müssten.“

Wir haben auf der weiteren Reise dann jedes Land für sich ein- und ausstempeln lassen.

Die Steuer, die wir zurück haben wollten, kriegen wir leider nicht ausbezahlt. Land- und Luftverkehr unterscheiden sich auch hier deutlich. Dafür erhalten wir ein Merkblatt und eine Adresse in Windhuk, wo wir die Auszahlung beantragen können. Allerdings mussen wir auch noch mit einem Grenzspediteur ein Ausfuhrdokument erstellen, das der südafrikanische Zoll dann abgestempelt, so dass wir einen Nachweis haben, dass die Produkte auch wirklich ausgeführt wurden. Der namibische Zoll verzichtete auf ein Einfuhrdokument und versieht das Ausfuhrdokument mit dem Stempel „IMPORTED“.

In Aussenkehr verbringen wir das Wochenende. In unserem Handbuch für Namiba ‚Road Tripping Namibia‘ finden wir einen Hinweis auf den King’s Throne Canyon und fragen an der Rezeption der Norotshama Campsite nach Details. Wir benötigen eine Permit, die 145 Rand kostet und dann können wir losfahren. Wir erhalten einen Schlüssel für das Gate und eine vage Routenbeschreibung.

Im Canyon sind wir ganz alleine und wir finden eine schöne Stelle, an der wir die unsere Drohne aufsteigen lassen und Videoaufnahmen machen. Unsere Blicke hängen an der Drohne bis der Akku leer ist, wir landen die Drohne und erschrecken uns kräftig. Um unsere Füße herum tummelt sich ein Skorpion. Noch nie zuvor haben wir einen gesehen, aber es bedarf keiner Erklärung. Wir dachten bisher, dass die viel kleiner sind. Ein zweiter Blick fällt auf unsere Flip Flops und im Eiltempo laufen wir an unser Auto und ziehen feste Schuhe an. Wir erinnern uns wieder an die Worte einer Südafrikanerin, sie warnte uns vor Schlangen und Skorpionen, die gäbe es dieses Jahr sehr häufig. Am nächsten Tag, im Fish River Canyon, erfahren wir, dass es sich um den großen, schwarzen, haarigen Dickschwanzskorpion handelt, der hier häufig vorkommt und einer der Giftigsten im südlichen Afrika ist.

Nach guten 4 Stunden haben wir die Off Road Tour durch den King’s Throne Canyon beendet und fahren zurück zum Camp. Am Abend erleben wir einen fantastischen Sonnenuntergang am Fluß, bei einem kühlen Bier machen wir einen Plan für Namibia.

Hinter Ai-Ais, im ‚Ai Ais-Richtersveld Transfrontier Park‘ erwartet uns der Fish River Canyon, Mutter Erde zeigt sich hier von ihrer schönsten Seite. Der Canyon ist 161 km lang und 27 km breit, an der tiefsten Stelle misst er 550 m und nach dem Grand Canyon ist dieser der zweitgrößte auf der Erde. Wir stehen bei Hobas am Abgrund und schauen in die Tiefe. Am Abend kommen wir noch einmal zurück und im magischen Licht des Sonnenuntergangs ergreifen uns seltsame Gefühle, wir fühlen uns so unendlich klein. Der Canyon hat uns in seinen Bann gezogen, wir übernachten in der Nähe und kommen zum Sonnenaufgang noch einmal wieder. Wir setzen in der Morgendämmerung einen Kaffee auf, sitzen am Abgrund und wärmen unsere Hände an der heißen Blechtasse, während wir auf die ersten Sonnenstrahlen warten. Am Horizont wird es immer heller und dann endlich erblicken wir die ersten Sonnenstrahlen. Der Canyon scheint nun auch zum Leben zu erwachen, das dunkle grau färbt sich langsam rötlich, mit dem Fernglas können wir nun die Wanderer sehen, die in 5 Tagen den Canyon durchwandern. Zuvor hatten wir sie nur als Lichtpunkte wahrgenommen. Im Canyon muss es noch viel kälter sein als hier oben, aber wenigstens wärmt uns jetzt die Sonne ein wenig. Wir frühstücken noch und dann machen wir uns auf der C37 und C12, einer guten Sandpiste auf, in Richtung Norden. Nach einigen Kilometern kommen wir an das Canyon Roadhouse, einem Tipp von Jörg aus Cape Town, wir halten kurz und wollen tanken, leider ist die Pumpe ausgefallen und jetzt wird mit Kanistern getankt, wir verzichten darauf, schauen uns noch im Café und Shop um, kaufen einen Namibia Aufkleber für das Auto und fahren weiter bis Seeheim. Dort an der Tankstelle ist der Diesel leider aus und so fahren wir mit dem allerletzten Tropfen Diesel bis nach Aus.

Wir tanken voll und ich gehe in den Shop um zu bezahlen, die Dame hinter dem Tresen sitzt auf einem Stuhl und spricht mich auf Deutsch an. Es riecht streng nach Schnaps. Ich bezahle und frage nach dem Preis für Camping. Gegenüber hat die Tankstelle noch einen kleinen Platz zum Campieren. Der Preis ist ok, wir schlagen das Zelt auf und Annette kauft im Shop noch eine namibische SIM Karte, trotz alkoholbedingter Schwierigkeiten aktiviert die Verkäuferin die Karte und lädt noch ein Datenvolumen dazu. Sprechen tut sie allerdings nur das Nötigste. Wir gehen zu Fuß in das nahegelegene Hotel Bahnhof und essen eine Kleinigkeit zu Mittag. Wir treffen dort eine Reisegruppe, darunter sind einige Leuten aus dem Wiesental.

Am Abend essen wir nochmal im Bahnhof und zum Dessert gibt es Schwarzwälder Kirschtorte, einen Kaffee und ein Kirschwasser. Wir fühlen uns fast wie zu Hause.

Diesen Bahnhof hatten die Deutschen vor über 100 Jahren hier gebaut, als sie in nur 10 Monaten eine Bahnlinie vom Hafen Lüderitz, quer durch die Wüste Namib ins Landesinnere über Aus bis Keetmanshoop errichteten.

Lüderitz ist unser nächstes Ziel, davor besuchen wir aber noch die wilden Pferde von Garub, etwa 23 Kilometer westlich von Aus. Dort wurde eine ehemalige Pumpstation, an der Dampflokomotiven Wasser aufgefüllt haben, zu einem Brunnen mit Wasserloch umgebaut, an dem die wilden Pferde regelmäßig zur Tränke kommen.

Während des ersten Weltkrieges hatten südafrikanische Unionstruppen hier in der Nähe 10.000 Mann und 6.000 Pferde in einer Militärbasis untergebracht. Das Deutsche Reich hatte in Aus ein Flugzeug und einen Piloten stationiert. Dieser griff mit dem Flugzeug dreimal die Stellungen an und am 27. März 1915 entkamen bei diesem Angriff 1.700 Pferde und flohen in die Wüste. Einige wurden wieder eingefangen, aber seit diesem Zeitpunkt haben es diese Pferde geschafft, in dieser kargen Gegend in Freiheit zu überleben.

Um nach Lüderitz zu gelangen, müssen wir nun auch durch die Namib fahren, aber die B4 ist bestens ausgebaut und wir kommen gut voran. Schilder entlang der Straße warnen vor Sand und Wind.

Die Stadt ist nach dem Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz benannt, der 1883 dort Land kaufte und durch einen Meilenschwindel und weiteren Zukauf den Grundstein für die deutsche Kolonie Deutsch- Südwestafrika legte. Bei unserer Ankunft besuchen wir den Diaz Point, dort errichtete 1488 der portugiesische Seefahrer Bartolomeu Diaz ein Steinkreuz, als er hier, auf der Suche nach dem Seeweg nach Indien, in der Bucht anlegte. Wir treffen hier auf Flamingos und machen einige Fotos. Im Diaz Coffee Shop essen wir Mittag, es gibt Kartoffelbrei und Rotkraut.

Gut gestärkt fahren wir ein kurzes Stück zurück in die Geisterstadt Kolmanskuppe. Hier fand ein Arbeiter der Eisenbahngesellschaft 1908 einen funkelnden Stein und übergab diesen dem deutschen Stationsvorsteher Adolf Strauch. Dieser hatte seine Arbeiter angewiesen, die Augen nach funkelnden Steinen offen zu halten, während sie die Gleise von Sand befreiten.  Eine nachfolgende Untersuchung ergab, dass es sich um einen Diamanten handelte und damit brach das Diamantenfieber aus, das bis ca. 1930 anhielt, die Abbaugebiete verlagerten sich danach weiter nach Süden und der Ort wurde aufgegeben und der Wüste überlassen.

Leider werden heute keine Führungen mehr angeboten und daher verschieben wir die Besichtigung auf den folgenden Vormittag.

Der Guide empfängt uns im ehemaligen Ballsaal. Als wir eintreten, fühlen wir uns wie in der Sport- und Festhalle in Wieslet. Es gibt eine Bühne und einen Balkon, Parkettboden und es sind die alten Turngeräte ausgestellt. Barren, Bock, Pferd und ein Sprungbrett.

Er erklärt uns, dass in Kolmanskuppe, trotz lebensfeindlichster Bedingungen bis zu 400 Menschen gewohnt, gelebt und gearbeitet haben. Es gibt kein Wasser und keine Pflanzen, nur Hitze, Sand und regelmäßige Sandstürme.

In Kolmanskuppe gab es alles, was man damals für Geld kaufen konnte, die Bewohner wurden jeden Tag mit einem Block Eis für den Kühlschrank und Trinkwasser beliefert. Der Ort hatte eine Straßenbahn, über die die Auslieferung lief. Das Eis stammte aus der Eisfabrik, den Strom lieferte das Elektrizitätswerk. Es gab eine vollautomatisierte Bäckerei, eine Metzgerei, Läden, ein Salzwasserschwimmbad, eine Kegelbahn und ein Krankenhaus, in dem das erste Röntgengerät  auf der Südhalbkugel installiert war. Die Wohnhäuser wurden solide aus Stein, nach deutschem Vorbild errichtet. Ein Mitarbeiter war für das Unterhaltungsprogramm der Bewohner zuständig, es gab Theater, Karneval und Sportveranstaltungen. Nur eine Brauerei gab es nicht, wohl aus Wassermangel musste man darauf verzichten.

Adolf Strauch erkundete die weitere Umgebung und im Idatal, dem sogenannten Märchental schickte er abends den Mitarbeiter Jakob zum Brennholz sammeln, damit dieser Kaffee machen konnte. Jakob kehrte zurück, die Hosentaschen und beide Hände voller Diamanten. Im Mondlicht sahen sie die Diamanten funkeln und Stauch murmelte „ein Märchen, ein Märchen“.

Zu dieser Zeit lagen die Diamanten an der Oberfläche in der Wüste. Es wurden in Kolmanskuppe nun Einheimische angeworben, die im Liegen Zentimeter für Zentimeter des Geländes nach Diamanten absuchten. Diese rund 800 Arbeiter waren in einem separaten Teil von Kolmanskuppe untergebracht und diese erhielten einen Zwei-Jahres-Vertrag. Kurz vor Ablauf des Vertrages kamen sie in eine Quarantäne und bekamen Rizinusöl. Ihr Geschäft mussten sie dann über einem Sieb verrichten, damit wollte man dem Diamantenschmuggel vorbeugen. Auch das Röntgengerät wurde im Kampf gegen den Diamantenschmuggel eingesetzt.

Zu dieser Zeit kamen 20 Prozent der Weltproduktion aus dieser Gegend, die Deutschen bauten ungefähr 1000 Kilogramm Diamanten ab und Kolmanskuppe galt als die reichste Stadt Afrikas.

Es ist beeindruckend, was die Menschen damals, unter diesen Umständen alles geschaffen hatten. Kolmanskuppe hatte 1911 einen elektrifizierten Anschluss an die Eisenbahnlinie Lüderitz – Aus, bis heute der Einzige, den es in Namibia jemals gab.

Auf dem Rückweg halten wir kurz an der neuen Eisenbahnlinie an, eine Wanderdüne blockiert die Gleise, die Bauarbeiten dauern nun schon seit mehr als 10 Jahren an und noch immer fährt kein Zug.

Wir biegen auf die D 707 ab, eine der schönsten Straßen in Namibia, wie wir mehrfach gehört haben. Die Sandpiste ist gut zu fahren und an der Koiimasis Ranch halten wir an und fragen nach Campingmöglichkeiten. Wir treffen hier Lilly und Eric, die mit einem Mietwagen unterwegs sind. Vor einigen Jahren sind sie 2 Jahre durch Australien gefahren. Wir grillen zusammen und tauschen Overlandergeschichten aus.

Der nächste Morgen beginnt mit viel Durst und leichtem Brummen hinter der Stirn, trotzdem fahren wir bis Sesriem, dem Ausgangsort für Sossusvlei.

Dort zelten wir, machen am Abend ein schönes Feuer und grillen. Wir gehen früh schlafen, denn am nächsten Morgen stehen wir um 04.45 Uhr auf und sind 30 Minuten später am Gate. Es ist ein Auto vor uns, ich ziehe noch kurze Hosen an und feste Schuhe, in der Zwischenzeit wird das Gate geöffnet und sofort zieht ein anderes Fahrzeug an uns vorbei. Weitere folgen, es besteht zwar ein Tempolimit, aber es bricht ein wahres Wettrennen aus. Nach 45 Kilometern erreichen wir die Düne 45, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, als wir dort anhalten. Der Großteil der Fahrzeuge fährt weiter zum Sossusvlei. Im Dunkeln können wir schon Menschen erkennen, die bereits den Aufstieg zur Düne in Angriff genommen haben und auch wir beginnen mit dem Aufstieg. Der Grat ist schmal und der Sand weich, es ist anstrengend aber wir kommen gut voran. Ich überhole alle, die noch vor mir sind und bin als erster oben, Annette kommt etwas später. Wir warten auf den Sonnenaufgang, in der Ferne können wir zwei Heißluftballons beobachten, die in der Morgendämmerung aufsteigen. Als die Sonne kommt, färben sich die Dünen dunkelrot, es ist wunderschön. Wir erfreuen uns an der Stille und steigen dann querfeldein von der Düne wieder ab, es macht einen Riesenspaß die Dünen herunter zu laufen, die Schuhe füllen sich komplett mit Sand. Unten wieder angekommen, bereiten wir unser Frühstück zu und unterhalten uns noch mit zwei Schweizern.

Danach fahren wir weiter zum Sossusvlei, was so viel wie ‚toter Fluss‘ bedeutet. Das letzte Stück ist nur für 4×4 Fahrzeuge freigegeben und nach einem kurzen Stück stecken schon die ersten Touristen im Sand fest. Vom Parkplatz aus ist es noch etwa ein Kilometer zu Fuß durch den Sand, dann kommt man an diese Salzpfanne. Wir gehen jedoch ein Stück außen herum und überqueren dann eine Düne und sehen den Sossusvlei zuerst von oben. Es sieht unwirklich weiß aus, übersät mit toten Bäumen. Als wir unten in der Pfanne ankommen, ist es unendlich heiß und wir haben Durst. Zurück beim Auto trinken wir ausgiebig und setzen uns in den Schatten. Wir essen was und ruhen uns aus. Nach dem Mittag sind alle Autos verschwunden und wir gehen mit der Drohne zurück zum Sossusvlei, machen einige Aufnahmen und machen uns dann wieder auf den Rückweg. Zurück in Sesriem besuchen wir noch den Sesriem Canyon und danach benötigen wir eine ausgiebige Dusche.

Namibia ist Staub, Staub und Staub. Aber einzigartig und wunderschön, wir sind gespannt auf das, was noch kommt.

 

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