Frust in Armenien

Wir möchten in ein Land einreisen, in dem die Scharia gilt. Das ist sozusagen das Strafgesetzbuch Gottes und Unzucht soll beispielsweise mit 100 Schlägen bestraft werden. Wir haben die Visa für den Iran erhalten.

Am Abend gehen wir noch in Yerevan essen und dann ins Bett, denn am nächsten Tag wollen wir möglichst weit bis zur armenisch-iranischen Grenze kommen.

Doch am nächsten Morgen, nach ca. 70 km, es geht einen Pass hinauf, leuchtet die Kontrollleuchte „Check Engine“ auf. Wir halten an und lesen nach, was das sein könnte. Eine mögliche Ursache: Tempomat, Kühlmitteltemperaturanzeige oder Drehzahlmesser liefert keine Informationen oder die Kraftstoffzufuhr, bzw. der -filter. Ich mache die Motorhaube auf und prüfe alle Stecker, einmal aus- und wieder einstecken. Danach ist die Fehlermeldung weg. Wir entscheiden uns weiter zu fahren.

Unterwegs besuchen wir noch das Kloster Tatev und treffen dort zwei Overlander aus Brasilien. Raphael und Isabel haben noch Alexandra und Simon, zwei Schweizer, im Gepäck, die ebenfalls eine Weltreise machen. Wir unterhalten uns kurz und erfahren, dass sie auch nach Kapan und dann in den Iran wollen. In Kapan wollen sie noch zwei andere Overlander treffen. Wir fragen: „Emma und Andy?“ Sie bejahen verdutzt. Ja, unsere beiden englischen Freunde, die wir bereits auf Zypern und in Kappadokien getroffen haben, sind in Kapan und helfen dort Armen und Siranush ihren neuen Campingplatz zu promoten, auch wir wollten sie dort heute Abend noch treffen.

Siranush betreibt in Kapan eine Sprachschule und ihr Mann Armen macht gerade einen Campingplatz neu auf. Dort treffen wir zum dritten Mal auf unserer Reise Emma und Andy aus England. Später treffen noch die Brasilianer Raphael und Isabell mit den Schweizern Alexandra und Simon ein. Außerdem ist dort noch Jan, ein junger Mann aus der Slowakei, der auch Armen beim Ausbau des Platzes hilft und es kommt noch Oscar, ein Kanadier, der in Kapan in einer Goldmine arbeitet, und Marco, einen Portugiesen mitbringt, der über Couchsurfing bei Oscar übernachtet. So wird es ein lustiger, internationaler Abend, wo viel Reise-Know-How ausgetauscht wird. Für den nächsten Mittag wird noch ein gemeinsames Picknick vereinbart und dann wollen wir auch weiter fahren.

Am Abend machen wir noch auf einem schönen Plateau, vor einem Kriegsdenkmal Fotos von Andys Totoya Hilux, Raphaels Landrover und unserem Mercedes G und natürlich mit allen Leuten.

Am nächsten Morgen haben wir noch etwas Zeit bis zum Picknick und wir wollen auf der örtlichen Bank noch etwas Bargeld holen, denn im Iran ist aufgrund der Sanktionen Bargeld abheben, bzw. Kreditkartenzahlung unmöglich. Wir warten bis wir dran sind und Annette will schon mal die Pässe aus der Handtasche holen, da wird sie auf einmal kreidebleich. „Wo sind die Pässe?“

Wir durchsuchen nochmal die Handtasche und dann das Auto. Nichts! Die Pässe sind weg. Wir überlegen und rufen in Yerevan bei Mr. Hostel an. Ja, die Pässe sind dort. Einerseits fällt uns ein Stein vom Herzen, andererseits bedeutet das 400 km nach Yerevan und wieder zurück. Wir gehen zu Armen und Siranush und erzählen dort, dass wir wieder zurück müssen. Aber Siranush schnappt sofort ihr Handy und telefoniert herum, nach zwei Minuten sagt sie zu uns, „eure Pässe sind um 18 Uhr hier“. Es verkehren zwischen Kapan und Yerevan ständig Taxis und sie hat einem bekannten Taxifahrer den Auftrag gegeben, unsere Pässe mitzubringen, das Ganze wird uns so ca. 6 Euro kosten. Wir sind erleichtert, picknicken am Mittag und warten dass es 18 Uhr wird.

Doch in der Zwischenzeit droht weiteres Ungemach. Andy hat das Bild von den Fahrzeugen am Monument in Facebook gepostet und irgendwie hat das in Kapan sehr schnell die Runde gemacht und diverse Leute haben sich beim Bürgermeister beschwert. Dieser ruft dann auch bei Armen an und am Nachmittag treten Andy und Armen dort persönlich an und entschuldigen sich tausendmal und versprechen das Bild sofort im Internet zu löschen.

Kurz nach halb sieben fahren wir los Richtung Grenze, aber nach ca. 24 km bringt unser Beast keine Leistung mehr und die Lampe „Check Engine“ leuchtet wieder. Wir kehren um und übernachten bei Armen und Siranush.

Mercedes-Benz gibt es nur in Yerevan. Am Morgen lassen wir in Kapan von einer „freien Werkstatt“, die einen Computer haben, den Fehlerspeicher auslesen. „Turbo“ sagt der Meister, machen kann er aber nichts. Wir ziehen nochmal die Stecker vom Luftstrommengenmesser und starten das Beast. Es läuft ganz normal, wir sind aber besorgt, denn im Iran gibt es aufgrund der Sanktionen gar keinen Mercedes-Service. Also fahren wir doch zurück nach Yerevan, nicht um die Pässe zu holen, sondern um das Auto checken zu lassen. Bis nach Yerevan läuft die Maschine ganz normal, am nächsten Morgen checken die Spezialisten von Mercedes den Fehlerspeicher, können aber nichts feststellen. Artur, der After-Sales-Manager meint, wir sollten den Dieselfilter auf jeden Fall noch wechseln, denn der Diesel hier sei so miserabel, dass Daimler keine Dieselmodelle nach Armenien liefert.

Wir geben unser Einverständnis und warten, kurze Zeit später kommt Artur und meint, dass der Fehler gefunden wäre, beim letzten Service sei die Dichtung zwischen Luftzufuhr und Turbolader nicht richtig eingesetzt worden und dadurch habe der Turbo zusätzliche Luft gezogen mit der Folge, dass das Kraftstoff-Luft-Gemisch nicht mehr stimmt. Das ist vermutlich die Ursache und daher wird auch noch eine neue Dichtung eingesetzt, denn die alte hatte einen Riss und war stark deformiert. Nach ca. 3 Std. ist das Auto fertig und Artur meint wir sollen noch zwei Stunden in oder um Yerevan bleiben, falls es doch noch Probleme gibt.

Ach was, wir fahren auf die Schnellstraße und wieder geht es Richtung Iran, aber nach 20 km geht das Beast erneut in den Notlauf und wir kehren wieder um. Diesmal leuchtet noch die Kontrolllampe und im Fehlerspeicher sind drei Meldungen. Der Turbolader wird ausgebaut, das Rad ist defekt. Durch die falsch eingelegte Dichtung kam auch Schmutz und Staub in den Turbo, was dazu führte, dass nun der Ladedruck nicht mehr voll aufgebaut werden kann.

Aber nun kommt Artur mit einer neuen Hiobsbotschaft, es gibt keine Teile für einen Dieselmotor. Lieferzeit mindestens zwei Wochen. Es ist Freitagnachmittag, wir sollen über das Wochenende überlegen was wir machen wollen. Ich rufe in Deutschland bei meinem Schulkameraden Willi an, der bei Mercedes-Benz in Bad Säckingen das Lager verwaltet. Er hat alles da, ich kann es morgen abholen, und so buchen wir einen Flug von Yerevan über Wien nach Basel und am Samstag hole ich die Teile ab und fliege am Sonntag zurück nach Yerevan.

Annette bleibt das Wochenende in Armenien, Kim Kardeshian ist auch da, sie ist Armenierin und macht Öffentlichkeitsarbeit für die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Gedenken an den Genozid am armenischen Volk im Osmanischen Reich.

Ich lande in der Nacht auf Montag und bin gegen 5 Uhr morgens bei Mr. Hostel. Als ich ins Haus möchte, sehe ich zwei Typen an unserem Auto und ich bleibe stehen bis sie weg sind. Es ist nichts außergewöhnliches, dass die Leute unser Auto anschauen, nur dachte ich zuerst einer pinkelt vorne an die Stoßstange.

Bei Mr. Hostel frühstücken wir noch und wollen gegen 07.30 Uhr zu Mercedes losfahren, dass wir gleich zu Arbeitsbeginn da sind und unser Auto schnellstmöglich fertig wird.

Beim Herausgehen fällt mir unter unserem Auto etwas auf, ich schaue drunter und dort liegen unsere Gitter der Frontscheinwerfer. Ich gehe zur Front und bin entsetzt, beide Scheinwerfer fehlen und auch die Heckleuchten wurden beide abgeschraubt. Ich fluche laut und wünsche diesem Pack die Pest an den Hals. Ich bin wütend wie selten.

Diebstahl, so schreibt es die Scharia vor, soll mit Abtrennen der rechten Hand bestraft werden. Auf einmal finde ich dieses System gar nicht mehr so schlecht.

Wir fahren zu Mercedes und die Mitarbeiter dort sind enttäuscht und beschämt, dass das passiert ist. Aber laut Artur leider kein Einzelfall, in den letzten zwei Wochen wurden von ca. 10 Fahrzeugen die Scheinwerfer gestohlen. Diese haben sie zum Glück da, kosten aber mehr als 2000 Euro und einen weiteren Standtag in Yerevan. Die Couchgarnitur in der Warteecke und der Kaffeeautomat sind unser neues Wohnzimmer.

Am Abend wechseln wir über, in ein Hotel in der Nähe und erhalten dort per SMS noch die niederschmetternde Nachricht, dass unser kleiner, geliebter, griechischer Kater Erwin in Schopfheim von einem Auto überfahren wurde und tot ist.

Wir sind auf dem absoluten Tiefpunkt.

Am Abend des darauffolgenden Tages fahren wir zum dritten Mal von Yerevan los und sind kurz vor Mitternacht an der Grenze. Morgen wollen wir in den Iran einreisen, vor dem Grenzübertritt haben wir ein wenig Bammel, denn wir haben einiges gehört von iranischen Nummernschildern, Tankkarten für Diesel und anderem.

Aber der Spaß beginnt schon früher, der armenische Zoll stellt fest, dass wir mit unserem Auto einen Tag länger in Armenien waren, als bei der Einreise angegeben. Ja, das wissen wir, aber wir mussten 4 Tage ungeplant in der Werkstatt verbringen. Das interessiert hier aber keinen und wir sollen mitkommen. Ok, denken wir, jetzt müssen wir für den einen Tag noch Road Tax und Ecology Tax nachzahlen. Das waren für 15 Tage, ca. 50 Euro, vielleicht müssen wir jetzt nochmal 3,50 Euro nachzahlen.

Wir werden in ein Büro geführt, wo 2 Damen und ein Herr in Zivil sitzen und der Mann rechnet eine Weile auf einem großen Taschenrechner herum und zeigt mir dann das Display. „You have to pay this! – Dollar!“

Das Display zeigt 2100. Ich weiß gar nicht, ob ich lachen oder brüllen soll. Ich sage nur „no“ zu ihm und rechne ihm vor, was wir für 15 Tage bezahlt haben und was dann ein Tag kostet. Er erklärt mir nun, dass dies eine Strafe sei. Ich frage ihn, für was denn die Strafe sei. Dies sei ein neues Gesetz wird mir gesagt.

Ich weigere mich, die Strafe zu zahlen, deshalb wird eine Dame um die 50 hinzugezogen. Sie trägt eine Uniform mit zwei Sternen und spricht deutsch. Zu sagen hat sie hier nichts, sie fungiert nur als Dolmetscherin. Ich erkläre ihr nochmal, dass ich das nicht bezahlen werde, dass ich eine Aufstellung haben will, wie sich die Strafe berechnet, mit der gesetzlichen Grundlage, versehen mit Namen der Dienststelle, des Zollbeamten und Unterschrift mit Stempel. Ich werde das in Yerevan prüfen lassen.

Die Aufstellung wird gerade so auf einen Zettel geschrieben, wie das neue Gesetz heißt weiß keiner und unterschreiben will auch keiner.

Ich schlage vor, dass wir zum Chef gehen und so platzen wir in ein Meeting in seinem Büro. Dort sitzt er gemütlich mit 5 Freunden, alle in Zivil bei Früchten, Tee und Gebäck. Ihm wird kurz erklärt was ich möchte, daraufhin schmeißt er mir abfällig einen dicken Gesetzestext auf Russisch auf den Schreibtisch. Mir reicht es nun. Ich hole mein Handy heraus und tippe in den Taschenrechner 2100, das halte ich ihm dann dicht vor die Nase. Ich sage zu ihm, dass mir das nicht ausreicht, dass mir jemand ein Display hinhält und mir mitteilt, dass ich das zu zahlen hätte. Das müsste schon etwas fundierter sein. Außerdem möchte ich seinen Gesetzestext nicht lesen, sondern möchte die besagte Aufstellung mit Angabe des Gesetzes.

Einer seiner Freunde, der wohl englisch kann, übersetzt es ihm. Daraufhin gibt er ein paar Anweisungen und Lala, die Dolmetscherin sagt zu mir: „Kommen Sie“.

Wir sollen warten, am Nachmittag kommt der Zollinspektor.

In der Zwischenzeit habe ich Armen und Artur angerufen und sie gefragt, ob sie eine Idee hätten. Armen hat in Yerevan bei einer Hotline des Zolls angerufen und Artur ebenfalls mit einem Beamten vom Zollamt gesprochen und beide teilten mir mit, dass bei der Einreise mit einem Fahrzeug angegeben werden muss, wie lange das Fahrzeug in Armenien bleiben soll, danach muss es wieder ausgeführt werden. Wenn man dies in der angegeben Frist nicht tut, muss man 50% der VAT auf den Fahrzeugwert, der bei der Einreise angegeben wurde, als Strafe bezahlen, im Falle einer begründeten Überschreitung der Dauer wird auf eine Strafe verzichtet.

Mit diesen Informationen gehe ich wieder zu Lala. „Oh, das wissen wir hier nicht. Warum haben sie das nicht gleich gesagt, dass sie 4 Tage bei Mercedes zur Reparatur waren?“ Ich bitte Lala darum, das ihren Leuten mitzuteilen, langsam wird ihr das auch unangenehm und obwohl ich einige Male recht unfreundlich zu ihr war, fragt sie uns, ob wir mit ihr etwas zu Mittag essen. Wir nehmen an und vertragen uns wieder.

Am Nachmittag kommt sie zu uns und sagt, dass wir nun eine Erklärung abgeben müssen, warum wir zu lange in Armenien waren und dann einen Antrag stellen müssen, mit der Bitte die Strafe zu erlassen. Sie diktiert uns alles auf Deutsch und schreibt dann eine armenische Übersetzung. Dann wird noch kopiert, gestempelt, getackert und geheftet und wir müssen noch 20700 AMD (Dram) zahlen und dürfen dann aber, nach mehr als siebeneinhalb Stunden gegen 17.30 Uhr Armenien endlich und ohne Zahlung einer Strafe verlassen.

Wir hatten sehr unterschiedliche Begegnungen in Armenien und Dank Siranush, Armen, Artur und einigen anderen überwiegen unsere positiven Eindrücke.

An diesem Abend steht uns aber noch das bevor, wovor wir uns heute Morgen am meisten gefürchtet hatten. Der iranische Zoll.

An der ersten Schranke steige ich aus. Im Wachhäuschen sitzen 4 Soldaten in Uniform, alle adrett gekleidet und man empfängt mich mit einem freundlichen „Welcome in Iran“. Einer schaut kurz die Pässe an und fragt wo wir her sind, daraufhin schickt er uns in den „Salon“.

Dort werden unsere Pässe erfasst und wir befragt, ob wir Alkohol, Drogen, etc. mitführen würden, denn dies sei im Iran verboten. Danach geht es zum dritten Häuschen, wo das Carnet de Passage abgestempelt wird und dann können wir einreisen. Das ganze dauerte nur 1 Std. und 15 Minuten. Wir sind positiv erstaunt und suchen uns einen Stellplatz für die Nacht.

Wildes Campieren fällt glücklicherweise nicht in den Geltungsbereich der Scharia.

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